Rolf Lüke: "Man, you are living in a fucking paradise" (Formentera 2004)
ImageFormentera, die kleine Baleareninsel im Mittelmeer, ist seit 1984 die Lieblingsinsel von Rolf Lüke, Gründer von Blausand.de. Am 18. September 1999 kommt hier am Strand von "Es Arenals" an der Platja Migjorn die Schwester von Rolf Lüke, Beate Bernhardt aus Hamburg, in einer Unterströmung ums Leben, als sie Corinna Wittig aus Hannover retten will, die ebenfalls an diesem Tag ertrinkt.

Fünf Jahre später, im September 2004, schreibt Rolf Lüke dieses Inseltagebuch, das 2005 im Reiseführer "Formentera" von Ariane Martin im Unterwegs Verlag Manfred Klemann, ISBN 3-86112-245-6, www.unterwegs.com, erschienen ist.

"Man, you are living
in a fucking paradise"
Robert Plant,
Led Zeppelin
Seelenverkäufer im Paradies

Image "Nixe" heisst die neue Errungenschaft der Balearia. Ein Riesendampfer, der sich in die schrottige Armada der schwimmenden Seelenverkäufer nahtlos einreiht. Wir lassen sie links liegen und kaufen Tickets für ein schnelles Schiff. Wenn du ankommst, willst du sofort auf die Insel, wenn du weggehst, kann es länger dauern.


18. September 2004, 5 Jahre danach


 Kein Tag wie jeder andere am Arenals-Strand von Formentera. Auf den Tag genau fünf Jahre ist es her, als Beate und Corinna hier den Tod fanden. Die Sonne aus farbigem Zement setzt ein Zeichen für das Leben. Als wir ankommen, legen wir rote Rosen an die Sonne. Auch andere gehen zu dem Symbol für die Ertrunkenen auf Formentera. Erklären ihren Kids, warum es hier eine Sonne gibt.

Wir sind nicht die einzigen, die wissen, welche Tragödie sich hier vor fünf Jahren abgespielt hat. Wie ein Film läuft das ab, was sich damals hier ereignete. "Behind Blue Eyes". Aus den Piratabus-Boxen erreicht uns leise eine Hymne aus der Vergangenheit.

VIP-Tisch in der Kultkneipe

Image Abends essen wir in der Fonda Pepe. Der lange Tisch am Eingang ist inzwischen zu einer Art VIP-Tisch avanciert. Dirk, ein sympathischer Inselveteran, verteilt generös die Plätze an der Tafel. Andere müssen bis zu einer Stunde oder länger auf freie Tische warten. Illustre und weniger wichtige Leute sitzen hier.

Immendorfs Bodyguard, Gauweilers Bruder. Hängen Gebliebene, die was zu erzählen haben. Möchtegernaussteiger, die mit dem Kopf schütteln, wenn sie die alten Geschichten von der Trauminsel hören. Atze hat sich im friesischen Ostrhauderfehn das Rauchen abgewöhnen lassen. "Alles Unsinn", sagt er. Trotzdem rührt er seit sechs Wochen keine Zigarette mehr an. Freitag will er auf dem Kirchenplatz Musik machen.

Sundown in paradise

Image Später, vor dem Fonda-Eingang, knutschen ältere Milano- und Siena-Kids um die Wette. Die neue Fußgängerzone sorgt dafür, dass sie nicht von Rollern gestört werden. Sehr viel später, auf der berühmten "Fondamauer", wird jemand eine so riesige Tüte präparieren, dass die halbe Mauerbelegschaft mitrauchen will.

Nina Hagen hat immer noch Lokalverbot in der Fonda, warum, weiß keiner ganz genau. Aber "Sex & Drugs & Rock'n'roll" sind auch hier immer weniger ein Thema. Die Kinder der Altfreaks sind brav geworden. Vor dem Geldautomaten der Caixa steht Guildo Horn, zieht sich ne Ladung Euro und schlurft zum Auto zurück.

Am "Kamener Kreuz", vor der "Bar Vedera", sitzen am nächsten Mittag bleichgesichtige Düsseldorfer in der zweiten Reihe und bestellen San Miguel und Osborne im Wechsel. Hauptsache: das Glas ist nicht leer. Riesenbusse, fast haushoch, nehmen dir die Sicht.

Oben Helm, unten nackte Haut

Image Roller, manchmal auch eine echte Harley, selten ein nostalgisches Moped, drehen auf in Richtung Strand. Oben Helm, ohne kostet richtig Geld, unten nackte Haut. Hier fällst du viel besser auf als auf Mallorca. "Ich dachte immer", lallt Wilhelm aus Düsseldorf-Eller in Richtung Urlaubsbegleiterin, "Spanien ist mehr katholisch". Zu diesem neuen Thema hat keiner was zu sagen.

Wilhelms Begleitung trägt ganz Formentera am Körper: Die Insel aus Metall am Ohr, Formentera T-Shirt, 2 Broschen mit viel zu großen Geckos. Irgendwann zahlt einer 24 Osbourne, "wenn es sein muss".

Je mehr Strand zu sehen ist, um so astronomischer die Preise. Den Vogel schießt das "Es Ministre" ab, die letzte Ess- und Trinktankstelle auf dem Weg Richtung Espalmador. Die Klientel kommt eher von der Wasserseite. Fast unbezahlbare, ordinäre Spaghetti und Eissalat werden lieblos auf die Teller geworfen. "Das kann", ereifert sich ein Inselfreund, "doch diesem Frank Farian auch nicht gefallen".

Manchmal schon in Deutschland, spätestens auf Ibiza, haben sich viele mit dem Umsatzrenner der Saison versorgt: Kühltaschen. Die sind schwerer als Strandmatten, aber für manche Geldbeutel ein Muss. Der Urlaub ist teuer genug. Die Roller allein kosten schon ein Vermögen, für nur wenige Euro mehr kannst du ein Inselauto bezahlen. "Die Prämien fressen dich auf" sagt der Vermieter.

Hühnersuppe, Jägermeister

Image In der Bar "Mar i vent" am Inselhafen, lesen 9 Deutsche 6 Bildzeitungen. Sarah Connors Schwester liebt Pekka Lagerblom. Als alle weg sing, stellt die Bedienung die zurück gelassenen Blätter akkurat zusammengefaltet zurück in den Zeitungsständer. Auf der anderen Seite des Hafens gleitet das türkisfarbene Katamaran-Ungetüm der Baleria an den Anleger. 1000 passen drauf, 10 Leute steigen aus.

Beim deutschen Bäcker in Es Pujols bestellt man vorzugsweise Hühner- oder auch Goulaschsuppesuppe. Da gibt es reichlich was in die Schüssel und reicht für zwei. Für manche Inselfreunde gibt's einen Jägermeister dazu oder auch drei, eine rustikale Kombination.

Kunstwerk aus Blech, aussterbende Trinkhallen

Image Niklaus Schmid erwartet uns und schaut ungläubig auf unsere Fahrräder, die vom Aussterben bedroht sind. Sein Buch "Formentera - eine Insel auf dem Weg zur Legende" ist inzwischen 10 Jahre alt und nicht mehr lieferbar. Wir kennen keinen, der schon hier war und der es nicht hat. Vielleicht gibt es bald Nachschub. Warten wir es ab.

Niklaus berichtet vom Buch "Mehr Morde am Hellweg". Auch er hat eine seiner Kriminalgeschichten in dieser Anthologie veröffentlicht, in Deutschland ein Bestseller. Das Fahrrad von Niklaus Schmid steht seit einem Vierteljahrhundert am Haus. Selbstgebaut, nie wieder bewegt. Ein Kunstwerk aus Blech.

Auch die Strandbuden auf Formentera sind vom Aussterben bedroht. "Fermin", die Trinkhalle auf der anderen Inselseite am Levante-Strand, gehört schon zu den Opfern. Nicht nur an der Strandbudenlegende "Piratabus" suchen manche vergeblich ein Dixiklo und verschwinden heimlich und naserümpfend in den naturgeschützten Dünen. "Aber", meint der voraus schauende Inselfreund , "die Klos kosten ja Geld. Die schaufeln sich hier alle ihr eigenes Grab und nachher machen sie lange Gesichter. Aber dann haben sie ja längst ausgesorgt".

Kilómetre 11, Brettspiele

Image Der Sonnenuntergang kommt näher. Die Musik wird besser. Am Piratabus sitzen Familien und spielen Schach. Zwei kahlköpfige Männer mit Lonsdale-Klamotten sind pünktlich zum Sonnenuntergang eingetroffen, die mir auch dann suspekt sind, wenn ich sie am schönsten Ort der Welt treffe. "Sie sind aber ganz nett", sagt der Inselkenner, fast entschuldigend.

Vicente, der in seiner freien Zeit seine uralte Mutter pflegt und die Gläser einsammelt, wird von Jahr zu Jahr krummer. Der Rücken. Männer und Frauen tragen schwarze Pirata-Shirts mit genauer Ortsbezeichnung "Kilómetre 11". "Nachher", warnt der Inselfreund, "gehen sie mit den schwarzen Klamotten auf der falschen Strassenseite nach Hause und werden umgenietet".

Lars von Felsen, Moderator beim Inselradio Mallorca, ruft an. "Wie sieht es", fragt er, "mit der Strandsicherheit auf den Balearen aus?" Nicht so toll. Allein auf Mallorca, Deutschlands beliebtester Ferieninsel, ertrinken jedes Jahr zwischen 50 und 70 Menschen. Vor allem Männer, Senioren. Oft dann, wenn sie vollgedröhnt sind. Oft am ersten Urlaubstag.

Solange - kürzlich im ARD-Wirtschaftsmagazin "plusminus" zu sehen - selbst ein großer deutscher Reiseveranstalter die Gefahr in einer übervollen und gefährlichen Bucht auf Mallorca mit vielen Opfern öffentlich verharmlost, ist es noch ein langer Weg für mehr Sicherheit an den Badestränden.

Socorristas und Siesta


Image Aber auch hier auf Formentera, 200 Kilometer von Mallorca entfernt, steht es keineswegs zum Besten. Flaggen sind Mangelware und die Siesta der "socorristas" dauert Stunden. Die Beobachtungstürme sind fast immer leer.

Vielleicht macht der Erfolg am Ende der Saison nachlässig: Auf Formentera ist bis Mitte September 2004 noch kein einziger Mensch ertrunken. Das hat es seit Menschengedenken hier nicht mehr gegeben.

Aber die gefährlichen Wochen sind noch nicht zu Ende. Auch im Oktober, wenn die spanischen Bademeister längst wieder auf dem Festland sind, lädt das warme Wasser zum Schwimmen ein, während sich die Wetterverhältnisse verschlechtern und die unsichtbaren Unterströmungen noch intensiver werden.

Höschenfraktion mit weissen Streifen

Wir fahren am vorletzten Tag unseres kurzen Formenterabesuchs zur "Cala Saona", einer kleinen und vor wenigen Jahren noch ruhigen Inselbucht.

Hier gibt es inzwischen italienische Verhältnisse in Reinkultur. Hier fliegt die versammelte Höschenfraktion komplett mit weißen Streifen nach Milano oder Roma zurück. Wenn hier überhaupt jemand nackt ist, kommt er sich wahrscheinlich vor wie ein Exhibitionist. Und wenn es nicht sein müsste, dürfte man hier nicht mal ins Wasser pinkeln.

"Nach uns die Sintflut"

Nach der formenterensischen Einheitsmuschel musst du lange suchen. Der Meeresspiegel steigt langsam, aber sicher. Die Küsten brechen von Jahr zu Jahr mehr weg. Daran können auch die EU-finanzierten Dünenschutztreppen kaum etwas ändern.

Trotzdem: Formentera führt mit aller Kraft einen leider ziemlich aussichtslosen Kampf gegen die globalen Umweltsünden. "Glaubst Du", fragt Wilhelm seine Begleiterin, "dass wir das noch erleben?" Die hat die passende Antwort parat: "Nach uns die Sintflut."

Salzsee und keine Flamingos, Schweinehund

Image Auf dem Rückweg von Illetas vermissen wir die Flamingos am Salzsee. Warum sind sie weg, gehört Beton nicht mehr ins Naturschutzgebiet? Man weiss ja nie, besonders hier nicht. "Nein", sagt Schoppi, der Inselkünstler, "jemand hat sie zerstört. Zuletzt waren es noch sieben, früher mal über zwanzig, jetzt reicht es." Zerstört? Die Natur? Nein, der Mensch war es.

Schoppi ist einer der produktivsten Menschen der Insel. Man muss schon in seine kleine Galerie gehen, wenn man ihn sehen will. Es gibt Betonfische, Betonsonnen, von denen jetzt eine das Grab einer kürzlich gestorbenen Frau auf dem Friedhof von San Francisco schmückt. Nicht mal eine Sondergenehmigung war nötig. "Sie war meine Sonne" hat ihr zurück gebliebener Mann gesagt.

Auf dem Boden der Galerie von Schoppi steht noch immer der Schweinehund. Wenn es ein innerer wäre, würden wir ihn mitnehmen.

Manfred Breuckmann und Miro Klose


Der letzte Tag. Wir sollen erst spät abends zurückfliegen und in Deutschland ist Fussballsamstag. Ich liege in spannender Erwartung an der "Platja Migjorn" und warte auf die Stimme von Manfred Breuckmann. Auf Manni, den Sportreporter aus Köln, auf die geliebte Konferenzschaltung. Manni hat in den letzten Jahren schon so viele Werder-Fußballnachrichten durch den Äther auf die Insel geschickt. Aber jetzt sitzt er im Bochumer Ruhrstadion, tief im Westen, und schweigt.

Ich dreh mich durch die Kurzwelle, was ist los? Statt dessen muss ich mir die Deutsche Welle, Nölfunk für den Rest der Welt, reinziehen, wo Annegret Gattermann, 76 Jahre alt, aus dem australischen Melbourne den Mitschülern aus Diepholz liebe Grüße zum Klassentreffen übermittelt. Manni Breuckmann, wo bleibt Deine Ansage?

Ich denke an Miroslav Klose, der fast genau an dieser Stelle auf dem kleinen Fernseher bei LUCKY während der Weltmeisterschaft vor einigen Jahren vier der acht Tore reingemacht hat. Por favor, El Miro!!!

Der Weltempfänger und die Wellen rauschen um die Wette. Ich halte den Sony noch weiter in den formenterensischen Blauhimmel. Da kommt ganz leise aus dem Äther, ganz weit entfernt, kaum zu verstehen, die Stimme von Manni aus dem Revier, aus dem Bochumer Ruhrstadion: Klose - 2:1, Klose 3:1, Klose 4:1. 3 Tore in 19 Minuten. Hattrick am Strand. Sogar die Wellen freuen sich. Manni und Miro, ihr seid Fußballgötter!!!

Der Traum ist nie vorbei


Image Ansonsten ist hier alles so wie immer. Der Traum wird nie zuende sein. Das Paradies wird immer bestehen - trotz allem, was hier passiert ist. Europäische Karibik im Mittelmeer.

Ulli hat endlich den realen Vermieter von Bob Dylan ausfindig gemacht. Aus den kleinen Boxen vom Restaurante Levante tönt leise "On the beach". Genau hier in diesem kleinen Paradies hat Chris Rea dieses Lied für uns Inselfreaks geschrieben.

Aber das ist schon länger her.

© Rolf Lüke, Blausand.de 2004

Links zu Formentera
Formentera-Bericht von Uwe Ziegler , September 2004
Formentera-Fototagebuch von Ulli Muhl, September 2004

 
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