Rolf Lüke über ein DLRG-Symposium: Wassersicherheit in der Krise? (2003)

ImageVom 15. bis 17. Oktober 2003 veranstaltete die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Bad Nenndorf bei Hannover ein internationales Symposium Wassersicherheit, bei dem 40 Experten vor 250 Besuchern über ihre Erfahrungen berichteten und die Sicherheit in und am Wasser diskutiert wurde.

Blausand.de berichtet über die Ergebnisse und veröffentlicht an dieser Stelle wichtige Forderungen für mehr Wassersicherheit in Deutschland und Europa.

Die Fakten sind ernüchternd und erschreckend: Von den weltweit über 400.000 Ertrinkungstoten pro Jahr starben im Jahr 2000 in Europa nach Angaben der World Health Organisation WHO 37.500 Menschen. In Deutschland zählt die DLRG bis Ende August dieses Jahres schon 542 Opfer, 82 Prozent davon ertranken an unbewachten Badeseen. An jedem Tag im Juli und August ertranken vier Menschen. Er wird vermutlich mit einem zweistelligen Zuwachs der schlimmste Ertrinkungsommer seit vielen Jahren werden. Eine weitere besorgniserregende Entwicklung: Das Engagement als Rettungsschwimmer verliert an Attraktivität.

Und die Situation in vielen Ländern Europas ist nicht viel besser. In Spanien, so referiert Ortwin Kreft, Leiter Einsatz bei der DLRG, "ziehen die Leute morgens die grüne Flagge auf und gehen nach Hause". Die meisten Badestrände in Europa sind - selbst wenn sie gefährlich und voll sind und wenn dort viele Unfälle passiert sind, unbewacht. Konzepte gegen den Ertrinkungstod werden seit Jahren diskutiert, erscheinen aber auch nach dem Symposium in weiter Ferne zu sein. Ertrinkungsstatistiken werden selten veröffentlicht. Dänemark hält die Ertrinkungszahlen niedrig, indem ein in Dänemark ertrunkener Deutscher der Statistik in Deutschland zugeordnet wird.

Für Schäden wird nicht gehaftet


Image Dabei gibt es in Deutschland eine sogenannte Verkehrssicherungspflicht, der viele Gemeinden aber nicht nachkommen. Diese sind nach einschlägigen Urteilen verpflichtet, an freigegebenen Badestellen entweder zwingend einen Wasserrettungsdienst zu stellen oder das Gewässer zu sperren. Die in diesem Sommer übervollen Badeseen begründen das "allgemeine und eigene Lebensrisiko", hinter dem sich die Verantwortlichen gern verstecken und sich damit schadlos halten wollen, in keiner Weise. Keine Gemeinde kann sich - so erläuterte ein Jurist während des Symposiums - unter diesen gefährlichen Bedingungen mit Schildern ("Benutzung auf eigene Gefahr, für Schäden wird nicht gehaftet") schadlos halten. Die Schilder sind bedeutungslos, Unfälle können für die Verantwortlichen neben zivilrechtlichen auch strafrechtliche Konsequenzen haben.

Weltweit einheitliche Perspektiven ?

Die Referate der Rettungsorganisationen aus USA, Australien, Irland, Kroatien und Israel sind hochinteressant, reich an zündenden Ideen, aber auch irritierend. Silvana Radovanovic, Wasserrettung Kroatisches Rotes Kreuz, hat mit Unterstützung der DLRG inzwischen 280 Lifeguards (55 davon an den Küsten) in dem von 8 Millionen Touristen besuchten Land Kroatien ausbilden können. Im hochprofessionellen Wasserrettungsdienst der Royal Life Saving Society Australia werden die Vorteile eines Systems mit bezahlten lifeguards und ehrenamtlichen lifesavers glaubwürdig dargestellt - die Organisation hat weder personelle noch finanzielle Engpässe. Harald Verwaecke, Belgischer Generalsekretär der International Life Saving Federation, berichtet über die unvorstellbar grosse Zahl von 44 Millionen Menschen, die weltweit pro Jahr aus dem Wasser gerettet werden. Chris Brewster von der United States Lifesaving Association überrascht mit pfiffigen give aways (knallrote Rettungspfeifen), aber auch mit der irritierenden Aussage, dass sich die USLA an den internationalen Richtlinien für die weltweiten Standards der ILS orientieren wolle, während er den Teilnehmern ein völlig anderes Flaggenkonzept (Grün: geringe Gefahr, Gelb: mittlere Gefahr, Rot: grosse Gefahr, Doppelrot: Badeverbot) präsentiert. Martin O´Sullivan aus Irland gibt ein Statement ab, das für die Länder in Europa bisher reine Theorie und eine der wichtigsten Aussagen des gesamten Symposiums darstellt, für die auch Blausand.de kämpft: "Der Informationsfluss sollte im Reisebüro beginnen, auf dem Flug oder auf der Fähre weitergehen und erst am Strand enden". Daniel Hartmann, Wissenschaftler aus Israel, stellt ein faszinierendes Forschungsobjekt zur Darstellung von Wassergefahren auf Basis geologischer Erkenntnisse vor, stellt Konzepte und Visionen statt technischer Details in den Vordergrund: "Prevention ist the best case szenario, rescue is the worst-case szenario, drowning is a No-case szenario". Brian Sims von der Royal Life Saving Society of Great Britain, dessen Land eine der besten websites für water safety mit einem tollen "beach safety game" vorzeigen kann, präsentiert den Stand der Dinge bei der weltweiten Harmonisierung von Warnflaggen. Erst im kommenden Jahr, so hören wir zu unserem grossen Erstaunen, soll wieder ein weiterer Vorschlag für ein gelb/rotes Flaggenkonzept vorgelegt werden.

Weltweite Regeln in weiter Ferne

Image Die weltweite Umsetzung der heute noch unklaren Regeln für Wassersicherheit kann noch viele Jahre dauern. Fazit in Europa und in der Welt: ein weltweit einheitliches Flaggensystem scheint bei erkennbar unterschiedlichen Vorstellungen in weiter Ferne zu liegen. Wir rechnen - wenn überhaupt - mit einer Dauer von weiteren zehn Jahren.

Die Frage muss erlaubt sein, warum sich die "International Life Saving Federation Europe" nicht zunächst auf eine einheitliche Flaggengebung in Europa konzentriert - mit dem Ziel, diese bis zum Jahr 2005 zu realisieren. Das würde in Hinblick auf einheitliche Kriterien zur Strandsicherung und vor allem auf die Durchsetzung wirkungsvoller Systeme schwer genug werden.

Erlebniswelt contra "Badehosenfraktion"

In einer von Spass bestimmten Erlebniswelt von Star Search, Freeclimbing und anderen exotischen und faszinierenden Sportarten hat das Bild der "Badehosenfraktion" (ein Rettungsschwimmer) trotz wirkungsvollem Einsatz der Wasserrettung bei der Flutkatastrophe im letzten Jahr gelitten. Die DLRG formuliert es etwas vorsichtiger: "Ein Wertewandel hat eingesetzt". Die Frage, wie DLRG und Wasserwacht ihre eigenen Leute bei der Stange halten wollen und wie man junge Menschen in Zukunft besser motivieren will, wurde von den Organisatoren registriert, Antworten aber blieben aus. Intelligente Anregungen wie etwa ein flächendeckender "Schülerlotsendienst" am Wasser, der Einsatz von auszubildenden Arbeitslosen in der Wasserrettung und vor allem ein wirkungsvoller Appell für die zwingend notwendige Bewachung an gefährlichen und vollen Wasserstellen in Deutschland blieben unkommentiert.

Wenn dann Politiker, die Öffentlichkeit und alle anderen Beteiligten glauben, mit der Wasserrettung sei alles in Ordnung und Ertrinken gehöre eben zum allgemeinen Lebensrisiko, darf sich keiner ernsthaft wundern.

Die DLRG, in der die Freiwilligen selbst ihre Rettungs-T-Shirts aus eigener Tasche bezahlen müssen, braucht dringend ein neues Selbstverständnis und eine wirkungsvollere öffentliche Darstellung.

Die Ausbildungsregeln für den Rettungssport sind 100 Jahre alt. Anfang dieses Jahres suchte die DLRG allein an der Nordseeküste händeringend 130 Rettungsschwimmer. In Schleswig-Holstein blieben die Retter vor einigen Jahren noch einen Monat am Wasser, heute sind es zwei Wochen.

Dass Schwimmbäder wegen knapper Kassen, wie ein Teilnehmer aus Husum berichtete, die unbezahlten Retter der DLRG inzwischen abwerben, ist nur ein Aspekt dieses kritischen Szenarios, das neben weiteren Themen in die Öffentlichkeit gehört.

Politik, Reiseveranstalter und Medien


Image Das DLRG-Symposium wurde primär von eigenen Leuten besucht, einige Gemeinden und Fremdenverkehrsverbände waren zwar anwesend, aber die Beteiligung einflussreicher Vertreter aus Politik, Reiseveranstalter sowie vor allem der Medien: Fehlanzeige. Ein Themenblock mit kritischer Bewertung der Wasserrettung in Deutschland (wie etwa die Thematisierung der Situation im Sommer 2003) fehlte ebenso wie eine Auseinandersetzung mit den besonders gefährdeten Gruppen der Kids und der älteren Menschen.

Dabei hätten sich das Symposium Wassersicherheit und das 90-jährige Jubiläum der DLRG hervorragend angeboten, nicht nur die zweifellos erworbenen Verdienste in den Vordergrund zu stellen, sondern auch kritische Bilanz zu ziehen, auf die Risiken hinzuweisen und vor allem das von DLRG- und ILS-Präsident Klaus Wilkens erwünschte "Aufbruchssignal" lautstark hörbar ertönen zu lassen.

Welche geringe Bedeutung dem Ertrinkungstod in Deutschland bisher in der öffentlichen Diskussion beigemessen wird, lässt sich auch an der Ermittlung der jährlichen Ertrinkungszahlen ablesen. Die DLRG muss sich die Zahl mit Hilfe eines "Clipping-Service" aus den Berichten deutscher Tageszeitungen und sonstiger Medien mühsam zusammenstellen. Eine offizielle und seriöse Statistik gibt es nicht. Die tatsächliche Zahl der Ertrunkenen ist vermutlich weit höher.

ImageDie DLRG will die Ertrinkungszahlen in Deutschland bis zum Jahr 2020 halbieren. Es stellt sich die Frage, wie dies angesichts leerer Kassen, schwindendem Engagements für den Rettungseinsatz und zurückhaltender Aufklärung der Öffentlichkeit über die drohenden Probleme gelingen will, denn auch aus den finanziellen Möglichkeiten der DLRG ergibt sich ein eher kritisches Bild: Die grösste Wasserrettungsorganisation der Welt hat im Jahr 2001 gerade mal 750.000 Euro an Zuwendungen und Spenden erhalten. Der Vergleich mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die Menschen auf hoher See vor dem Ertrinken rettet, mag gewagt sein, weil Abenteuerlust und "High-Tec"-Seenotkreuzer die Spendenbereitschaft stärker bedienen. Aber die Höhe der Spendeneinnahmen spricht eine deutliche Sprache. Bei der DGzRS ging 2001 ein 23mal höheres Spendenvolumen ein, 17 Millionen Euro.

Vielleicht war auch während des Symposiums etwas zu oft von Regelwerken, Rettungssportdisziplinen und Rahmenrichtlinien als von Hi-Gefühl und vor allem kritischer Bewertung der Situation und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit die Rede.

Das Symposium steht unter dem Motto: "Wasserrettung zwischen humanitärer Verpflichtung und politischer Anerkennung". Innenminister Otto Schily schreibt in seinem Grusswort: " Schnelle und wirkungsvolle Hilfe gehört heute zum Sicherheitsanspruch unserer Bürger". Anspruch und Wirklichkeit stehen auch nach diesem Symposium, für das wir der DLRG als Veranstalter trotz aller offenen Fragen Dank aussprechen, in einem deutlich erkennbaren Widerspruch.

Zu einer wirksamen öffentlichen Darstellung und dem dringend notwendigen Willen zur Veränderung der immer schwerer werdenden Situation bei der Rettung von Menschenleben vor dem Ertrinken gehört auch eine Eigenschaft, die für Rettungsschwimmer schon immer eine unverzichtbare Voraussetzung ist: Mut.

 © Rolf Lüke, Blausand.de 2003

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