Peter Sieman, DLRG, über Flaggen, Gefahren und Europasicherheit
ImagePeter Sieman, 43 Jahre alt, ist seit 25 Jahren ehrenamtlich für die DLRG tätig und seit neun Jahren hauptberuflich als Referatsleiter in der DLRG-Bundesgeschäftsstelle für die Bereiche Einsatz, Medizin und Sport verantwortlich.

Der Sicherheitsexperte, studierter Diplom-Biologe, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Die DLRG hat ihren Sitz im niedersächsischen Bad Nenndorf bei Hannover und ist die grösste freiwillige Wasserrettungs-Organisation der Welt. 

Herr Sieman, wieviel Menschen ertrinken jährlich in Europa?


In Europa liegen bisher leider keine Statistiken vor, für Deutschland können wir Zahlen nennen aufgrund der Daten des Statistischen Bundesamtes und seit kurzem aufgrund eigener Erhebungen. Danach ertrinken in Deutschland jährlich etwa 400 bis 600 Menschen.

Hierbei ist für uns vor allem die Frage wichtig: Woran hat´s gelegen? Wir wissen, dass Kinder und ältere Menschen besonders betroffen sind, wobei sich bei der Gruppe der älteren Menschen ein Herzinfarkt oder eine Kreislaufschwäche im Wasser problematischer auswirkt als am Land.


Image Wer kümmert sich denn um die Sicherheit an den Stränden Europas?

Das Kriterium Wassersicherheit in Europa ist inzwischen ja neben der Hygiene in die Bewertungen der Blue Flag Campaign (Blaue Flagge) eingegangen, ebenfalls gibt es bei der Europäischen Dachorganisation ILSE (International Life Saving Federation of Europe) einen Kriterienkatalog, der aber bisher nur als Arbeitspapier beschlossen und noch nicht abschliessend verabschiedet ist. Hierbei geht es um das Vorhandensein von Rettungsschwimmern und der entsprechenden Ausstattung bis hin zur Definition der gefährlichen Bereiche im Wasser.

Weiterhin arbeiten wir mit der ILSE an der Harmonisierung einer einheitlichen Flaggengebung, um deutlich zu machen: Wann ist ein bestimmter Bereich nur für geübte Schwimmer erlaubt , wann sind Gefahren gegeben und wann ist das Baden verboten. Und wo kann man das sogenannte "Zoning" durchführen, das heisst, dass nur bestimmte klar abgegrenzte Bereiche für den Badespass zugelassen werden.


Kann die ILSE die Massnahmen in den einzelnen Ländern durchsetzen oder ist sie nur koordinierend tätig?

Die ILSE kann nichts national durchsetzen, das müssen die Wasserrettungsorganisationen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Partnern leisten, Ministerien und Kommunen. Aber die ILSE kann dafür sorgen, dass alle, nachdem sie sich beraten haben, in die Länder gehen und sagen: so wollen wir es im Wasserrettungsdienst in Europa machen.


Image Empfehlen Sie - wie es auf Formentera praktiziert wird - das Aufhängen unterschiedlicher Flaggen an einem Strandabschnitt abhängig vom Vorhandensein eines Rettungsdienstes?

Bei uns beispielsweise an der Nordseeküste ist es gängige Praxis, dass bestimmte Bereiche freigegeben sind und andere Bereiche als gefährdet markiert sind. Nur muss es eindeutig sein. Ich muss wissen, dass - wenn irgendwo eine rote Flagge weht - die Gefährdung für einen klar abgegrenzten Strandabschnitt gilt und muss auch wissen, wo es dann übergeht in einen Bereich, in dem ich dann ungefährdet baden kann. Die rote Flagge wird in Deutschland bei schlechtem Wetter ohne Bewachung, aber auch bei gutem Wetter, aber zum Beispiel gefährlicher Stroemung mit Bewachung aufgezogen.


Worin bestehen an den Stränden von Europa die grössten Gefahren?

Man muss unterscheiden zwischen den morphologischen Gegebenheiten der Strände (im wesentlichen Unterströmungen durch auflaufendes Wasser und im Grundbereich ablaufendes Wasser, aber auch seitliche Strömungen) und dem Verhalten der Leute durch Selbstüberschätzung, durch Alkohol - nach unseren Erfahrungen mit einem hohen Anteil von Männern mittleren Alters -und durch die körperliche Konstitution mit der Gefahr von Kreislaufschwächen.

Die für Deutschland bedeutsamen Temperaturschwankungen im Wasser spielen als Gefahr bei den Stränden am Mittelmeer eine eher untergeordnete Rolle.


Die DLRG hat mehr Engagement der Reiseveranstalter zum Thema Sicherheit gefordert. Wie ist hierzu der Stand der Dinge?


Die DLRG kann die Reiseveranstalter nicht darauf drängen, bestimmte Informationen in ihre Reiseprospekte zu übernehmen. Der Druck muss letztlich vom Verbraucher selber kommen.

Wir versuchen aber, die Reisenden dahingehend zu sensibilisieren, in den Reisebüros auch danach zu fragen, wo entsprechende Absicherungen sind. Generell sollten Reisende bei Buchungen deutsche Sicherheitsverhältnisse voraussetzen können und bei Buchungen am hoteleigenen Strand davon ausgehen, dass hier auch Rettungsschwimmer vorhanden sind. Finanziell dürfte das durchaus leistbar sein. Und ich würde es natürlich begrüssen, wenn die Reiseveranstalter das jeweilige Flaggensystem in ihren Katalogen abdrucken. Mit dem Reiseveranstalter ITS bieten wir zur Zeit unter anderem in der Türkei, in Griechenland, Tunesien und in Zukunft auch am Roten Meer in Hurgharda während der Ferien Schwimmkurse für Kinder an, das ist ein Beispiel für das Engagement eines deutschen Reiseveranstalters für mehr Sicherheit vor Ort.


Image Welche Aufgaben sollten die Reiseveranstalter denn wahrnehmen?

Ich wünsche mir Information für die Kunden im Reiseprospekt, Information der Reiseleiter vor Ort, durch Tafeln und sonstige Möglichkeiten , aber auch Druck auf die jeweiligen Gemeinden, um den Sicherheitsgedanken vor Ort intensiver umzusetzen. Idealerweise sollten Mitarbeiter der Hotels vor Ort dafür auch abgestellt werden, möglichst nur dafür.

Die coolen Drinks zu servieren und ab und zu mit einem Auge auf die Wasserfläche schielen, ist nicht ausreichend. Das ist, wie wir es bei unseren Rettungsschwimmern an der Küste sehen, ein fulltimejob.

Und ich meine, die Veranstalter sollten einen bestimmten Sicherheitsstandard als Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit den Ferienregionen definieren, denn die Reiseveranstalter sichern ja auch trotz grossem Wettbewerbsdrucks eine ganze Menge von Arbeitsplätzen in den europäischen Urlaubsregionen, und man sollte notfalls ruhig sanften Druck auf die Kommunen ausüben.


Image Wie kann man gefährliche Strände definieren?

Es gibt dazu zwei Dinge: einmal die morphologischen Gegebenheiten am Strand und die Sicherheitsausstattung, personell und materiell, die vor Ort vorhanden ist. Zwischen diesen beiden Punkten sollte ein ausgeglichenes Verhältnis bestehen, sonst ist dort eine Gefährdung vorhanden. Bei einem flachen Strand, bei dem man ohne grosse Wellen 200 Meter reingehen kann und ich immer noch bis zur Hüfte im Wasser stehe, brauche ich kein grossartiges Rettungs-Equipment vorzuhalten.

Anders ist es bei einem Strand, der entweder sehr steil abfällt und ich schnell grosse Tiefe erreiche oder der aufgrund seiner Morphologie entsprechende Strömungen oder Wellengang aufweist. Die finanziellen Mittel sind bei gefährlichen Stränden bei entsprechenden personellem und materiellem Aufwand natürlich erheblich, aber jeder finanzielle Einsatz wird bei Rettung eines Menschenlebens relativiert.


Wann kann denn mit einem funktionierenden europäischen Sicherheitssystem gerechnet werden?

Die Vorschläge für Europa, die ja von den einzelnen Wasserrettungsorganisationen der Länder entwickelt wurden, werden erst in den nächsten 10 Jahren Stück für Stück vereinheitlicht. In Spanien und auch in Grossbritannien gibt es diese Systematik aber schon zum Teil.


Image Wie sollen sich Menschen verhalten, die in eine Unterströmung kommen?

Gegen eine Strömung anzukämpfen, ist aussichtslos. Das zehrt an den Kräften , und man wird schnell panisch, wenn man merkt: ich kämpfe und kämpfe und komme trotzdem keinen Meter weiter. Sich seitlich aus der Strömung raustreiben zu lassen, ist das Richtige, auch wenn es der längere Weg ist. Nicht immer ist der kürzere Weg zum Ufer der schnellste. Allerdings gibt es Strömungen, die über eine sehr lange Strecke laufen und auch noch ablandig sind und jemanden aufs offene Meer rausziehen.

Deshalb ist es auch ganz wichtig, Andere auf sich aufmerksam zu machen. Wenn ich den Kontakt zum Strand hergestellt habe, weiss ich: es hat mich jemand gesehen und ich kann mit Hilfe rechnen. Psychisch ungemein wichtig, weil dadurch weniger die Gefahr der Panik besteht. Und man sollte nicht allein, immer in einer Gruppe schwimmen gehen und seine eigenen Kräfte nicht überschätzen. Das ist sicher in der Urlaubseuphorie schwerer als sonst zu berücksichtigen.

 
Wie sollen sich Menschen verhalten, die am Strand feststellen, dass sich jemand in Not befindet?


Das hängt auch davon ab, wie jemand körperlich konstituiert ist, aber auch davon, ob eine Gruppe zur Verfügung steht. Man muss sich schon vorher darüber im klaren sein und mit den Gegebenheiten möglichst vertraut sein, weil man sich ja auch sonst fahrlässig in Gefahr bringt.

Wenn man sich der Person nähern kann, dann möglichst nur mit Auftriebskörpern. Wichtig ist es immer, vorher die Informationen weiterzugeben, denn wenn ich allein schwimme, ohne etwas zu sagen, sind nachher zwei Menschen in Not. Also vor der Hilfe sollte die Rettungskette in Gang gesetzt werden. Hier kann man sich auch schon vorher informieren: wen spreche ich an und welche Informationen muss ich weitergeben?

Das gehört nach meiner Einschaetzung auch zu den Aufgaben der Reiseveranstalter vor Ort, indem man den Ansprechpartner bei Notsituationen am Strand nennt, denn das ist der wichtigste Punkt: zu wissen, wie die Rettungskette funktioniert und sie in Gang zu setzen.
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