Rolf Lüke: Ein Tagebuch (Formentera 2001)
10 Tage Aktion und Urlaub im September 2001: 
Ein Formentera - Tagebuch erschienen im Szene-Reiseführer "Formentera" Unterwegs-Verlag Manfred Klemann
www.unterwegs.com
Eine Insel
Das Meer zieht eine Insel groß,
einige Menschen mit dem Wunsch,
darauf zu leben,
und das Licht,
das selten von hier fortgehen wird.

Walter Helmut Fritz

15. September, Sonnabend

IImagen Bremen kannst du mit der Strassenbahn  fast direkt vors Flugzeug fahren, auch am Wochenende, auch morgens um sechs. Und knapp eine Stunde später steigt die 757 in den regenverhangenen Bremer Himmel. Wir sind sicher, dass es höchstens 12 Grad ist, eine Mütze Schlaf über den Alpen (warum sind die Nächte vor den Flügen eigentlich immer so kurz?), und schon rollt der Vogel wieder aus. Es ist ruhiger im Flieger als sonst, und das kommt nicht von ungefähr, der Terrorschock sitzt tief. Am Flughafen von Ibiza beginnt die Warterei auf eines der viel zu wenigen Taxis, die sich im Winter die Räder ins Blech langweilen, aber jetzt Mangelware sind.

An der Estation Maritima ist der Teufel los, Riesenschlangen vor den Ticketschaltern. "Nein, die Fähre um 10 Uhr ist voll." Ganz neue Töne, die du hier selten vorher gehört hast. Dann eben um elf, aber wir wollen keine Zeit verlieren. Der Rapido dreht sich durch den Hafen, Urlaub und Aktion können beginnen.

Image Nach unserer Ankunft im Hafen von Formentera das gleiche gelassene Chaos, Sonnabend ist Charter-Grosskampftag. Die Koffer auf dem Rapido stapeln sich bis zur Reling, und ein Mann, der einen der Koffer direkt über Bord nehmen will, fällt ploetzlich in den kleinen Spalt zwischen Fähre und Reling ins Wasser. Riesenaufregung, Geschrei, vier Männer halten die Schnellfähre von der Kaimauer weg, drei andere halten den Italiener über Wasser und ziehen ihn wieder raus. Der ist entsetzt und lächelt trotzdem. Eine Minute später tun alle so, als wär hier überhaupt nichts passiert.

IImagem Gepäck ist natürlich wieder viel mehr, als ich jemals brauchen werde: viele ungelesene Bücher, Blausand-Aufkleber, Camera, 3 alte Spendendosen aus dem tiefsten Keller vom Landesverband der evangelischen Frauenhilfe in Bremen, die 20 wichtigsten CDs, kein Hund. Claudia hatte mich überzeugt, dass es bei der Hitze purer Egoismus gewesen waere, Spellmann mitzunehmen. Irgendwann hatte ich es eingesehen und vermisse ihn trotzdem.

Und jetzt, beim Anblick des Meeres, glaube ich, einen alten Freund wiedergetroffen zu haben, genauso wie beim Anblick des Hafens, des immer wieder einmaligen Lichts, des Geruchs, der Burg von Ibiza und von Es Vedrà, dem Zauberberg. Und vom Torre de Espalmador und der Moli de Sal, bei der ich weiss: Jetzt bist du wirklich bald da.

Image Mittags liegt das Meer und die Platja Migjorn vor mir. Ich gehe den Holzsteg, der die Dünen schützen soll und reichlich renovierungsbedürftig ist, runter zum Strand. Alle, die in die kleine Bucht unterhalb vom La Fragata kommen und sich auf die blauen Plastikliegen unter die graubraunen Strohschirme legen, ziehen sich nackt aus und cremen sich extrem sorgfältig ein. Ein Mann, höchstens 30, nimmt seine Nivea-Sonnenmilch, Faktor 20, und bedeckt sich von Gesicht bis Fuss mit mindestens 70 oder 80 gleichmässigen weissen Punkten, die er später ebenso sorgfältig verreibt. Irgendwie erinnert er mich an einen Dalmatiner. Eigentlich haette ich schwer Lust, ihn zu fotografieren.

Maria sagt nicht ohne Stolz, als wir ihr Appartement im La Fragata loben, dass es ihr kleinstes ist. Der Blausand-Aufkleber klebt schon seit Juni an der Glastür, etwas farblos, aber er hat die Saison überstanden. Der Gedanke, dass zehn Tage Formentera vor mir liegen, verursacht Freude und Energie.

Am Abend treffen Claudia und ich Uwe in der Fonda Pepe zum Essen. Ein Jahr haben wir ihn nicht gesehen und freuen uns auf einen schönen Abschluss dieses ersten Formenteratages. Ich hatte erst vor einigen Tagen von seinem Kommen gehört. Was mich auch freut: Er will sich mal nicht um seine Website www.fonda.de kuemmern, sondern auf der Insel nichts als relaxen. Ob das wirklich funktioniert, weiss man immer erst später.


16. September, Sonntag

IImagen San Fernando ist es am frühen Sonntagmorgen noch ruhig, obwohl die Insel voll sein soll. Ich habe mich vor dem Restaurante San Fernando mit Renate Höfer verabredet, Autorin aus Bremen, und berichte ihr von den Aktionen rund um Blausand.de. Beeindruckt bin ich davon, dass Renate vor längerer Zeit einen Text für meine Schwester Beate geschrieben hat, die auf Formentera ertrunken ist. Den Abend verbringen wir am Piratabus. Der Sternenhimmel ist so klar wie noch nie, ich taste mich an den Arenals-Strand heran, Claudia und ich sprechen über Beate und ihre aussergewöhnliche Liebe zu Formentera.

Vincente gehört zum Inventar vom östlichen Teil der Platja Migjorn. Er ist der Star und wichtigster Mitarbeiter vom Piratabus und je nach Jahreszeit und Wetterlage unbezahlter Werbeträger für Borussia Dortmund, Schalke 04, Bayern München und auch schon mal fuer den FC Barcelona. Ein geschenktes Trikot von Werder Bremen aus dem letzten Jahr (feinste norddeutsche Wirkware) hat er bis heute nicht öffentlich vorgeführt. Zu unserer Überraschung traegt er die neueste Kollektion von Jack Daniels, und wir entdecken das Logo vom FC St. Pauli, Millerntor, Hamburg, 18. Tabellenplatz.

Image Abends im La Fragata treffen wir Ulf und seine Frau Uli mit ihrem Formenterahund Mola, der vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist. Ulf ist vor 36 Jahren zum ersten Mal auf der Insel gewesen, so berichtet er uns, während Mola unterm Tisch liegt und keine Lust auf Diskussionen nostalgisch gepolter Inselveteranen hat. Wir sprechen stundenlang über alte Formenterazeiten, der Abend wird länger und die Zeiten werden immer älter. Weit nach Mitternacht outet sich Ulf als weiterer Zeitzeuge für eine der wichtigsten Fragen unserer Tage: Ja, er hat Bob Dylan tatsächlich und leibhaftig auf Formentera gesehen, aber das soll schon ganz lange her sein.


17. September, Montag

Im Gegensatz zu gestern gibt es gefährlich auflandigen Südostwind an der Platja Migjorn. Die grüne Flagge ist gestern am Piratabus einfach hängengeblieben und suggeriert gefahrenloses Baden. Vorm Es Arenals üist die Flaggenfarbe gelb, es ist 11 Uhr. Eine halbe Stunde später, als viele Urlauber an den Strand kommen und durch unterschiedliche Flaggen verunsichert sind, wird am Piratabus aus gruen eine gelbe Flagge.

 ImageAm Vista Sol, dem Restaurante direkt neben dem La Fragata, sehen wir eine grüne Flagge, durch viele Windnächte ziemlich ausgefranst. Aber warum gibt es die grüne Flagge bei auflandigem gefährlichen Wind? Wir sind irritiert und befragen unsere Logik. Kurz nach 11 Uhr hängt am Es Arenals bei den Rettungsschwimmern die grüne Flagge, vielleicht deshalb, weil der Strand hier bewacht ist? Aber warum hängt dann auch am nicht bewachten Vista Sol die grüne Flagge? Für diese Flagge, so sagt uns Rettungsschwimmer Paco vom Cruz Roja, sei man nicht zuständig. Aber wer dann?

An der Sonne für Beate liegen frische Naturblumen. Ich tausche das kleine verwaschene Schild im Rahmen gegen ein anderes lesbares aus. Ein Anruf im Sommer, der besagte, dass die Sonne zerstört sei, hatte sich zum Glück nicht bewahrheitet. Nur die Steine, die noch im Juni die Sonne eingefasst haben, liegen inzwischen über den Hügel verstreut. Den Sommer hat die Sonne gut überstanden. Als ich danach in Richtung Es Arenals gehe und mich umdrehe, stehen einige Leute oben auf dem Hügel an der Sonne.

Vor der Bar Verdera sitzen Leute, die so gnadenlos nach dieser Mischung aus Knoblauch und Bier stinken, dass mir fast schlecht wird. Wahrscheinlich geht es den anderen bei mir irgendwann in den nächsten Tagen genauso.

Image Spätnachmittags sind wir bei Niklaus Schmid und seiner Frau Brigitte eingeladen, um den Ablauf der kleinen Feier für Beate zu besprechen und die Texte dafür auszuwaehlen, was bei den vielen liebenswerten Episoden in Niks` Inselbuch (Formentera - eine Insel auf dem Weg zur Legende) nicht so ganz einfach ist. Nachdem wir leckeren Mandelkuchen gegessen und die traumhafte Finca, unzählige Hähne und Hühner, Agavenfelder, Feigen- und Olivenbäume, Hühner- und den Schweinestall und das alte Backhaus besichtigt haben, wählen wir zwei Texte aus, von denen ich weiss, dass Beate sie besonders schön fand. Beate hat Niklaus nicht persönlich, aber durch seine Bücher kennengelernt, und die Liebeserklärung von Niklaus zu seiner Insel hat auch Beate zu ihrer Formentera - Liebe inspiriert.

Image Auf dem Weg von Es Calo nach Illetas kommen wir uns mit den Fahrrädern vor wie Inselexoten, die die Gegenwart verpennt haben. Autos und Roller fahren fast direkt an den Strand, Formentera kann das schon jetzt nicht mehr verkraften. Wir parken unsere Räder weit weg vom Parkplatz am Restaurante Es Ministre, sonst wuüden wir sie kaum wiederfinden. Vielleicht werden die Fahrradwege in fünf oder zehn Jahren wieder abgeschafft, damit es mehr Platz für die "richtigen" Verkehrsmittel gibt. Die meisten Fahrräder haben kein Rücklicht, die Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h auf der ganzen Insel Formentera ist entweder unbekannt oder inzwischen ersatzlos abgeschafft worden. Polizei haben wir fast nicht gesehen, vielleicht arbeitet man in Zivil. Besonders gefährlich ist inzwischen die schmale Strasse zwischen San Fernando und Es Pujols, der "Fahrradweg" besteht fast nur aus einem weissen Strich.

 
18. September, Dienstag

Image An der Platja Migjorn sehe ich Rettungsschwimmer Paco, er kommt aus Madrid und studiert Informatik auf Mallorca. Paco, Micki, Rosa und alle anderen Rettungsschwimmer und Rettungsschwimmerinnen haben in dieser Saison sage und schreibe 35 Leute aus dem Wasser geholt, die aus eigener Kraft nicht mehr rausgekommen waeren. Er ist stolz , ich bin total gluecklich und sage ihm, dass er und seine Leute tolle Arbeit gemacht haben. In der Westfaelischen Allgemeine steht, dass ich mich - so sagt Herr Bush in Amerika - auf einen langen Krieg einstellen soll. Ich will mich nicht auf Krieg und ueberhaupt nicht auf einen langen Krieg einstellen.

Feier für Beate am 18.9.2001Heute vor zwei Jahren ertrank Beate, und ich bin gespannt, wer zu der kleinen Feier am Piratabus-Felsen kommen wird. Pedro, Schoppi und Felix, die viel fuer Blausand.de getan haben, koennen nicht teilnehmen. Aber wir treffen Jan aus Holland, den wir vor der Bar Verdera begruessen und der seine Teilnahme zusagt. Den Sonnenuntergang sehen wir heute nicht, stattdessen reisst der Himmel wieder genau so grandios auf wie heute vor einem Jahr.

Image Niklaus Schmid liest die Geschichte über die Manolito, ein Text aus seinem wunderbaren Buch. Ich bin zerrissen zwischen meiner erfolgreichen Aktion und zwischen Trauer ueber den Verlust meiner Schwester, es kommt mir vor, als sei ich gerade vor einigen Wochen von dieser Stelle zu Beate gelaufen, der ich nicht mehr helfen konnte. Ich habe die Vision, dass sie uns zuhoert und sich alles, was hier heute passiert, anschaut, heiter und gelassen. Pasqual vom Piratabus spielt leise klassische Musik.

José, Alcalde, Rettungsschwimmer, Rolf, MiguelIsidoro Torres Cardona (Buegermeister von Formentera) mit Familie, José Ramon Mateos (Gemeindeamt, zustaendig fuer die Koordination der Rettungsdienste), Miquel Ribas (Stellvertreter des Buergermeisters und zustaendig fuer Schiffsverkehr), Christine und Klaus, die fuer einen Tag und eine kurze Nacht aus Hamburg gekommen sind, Wolfgang mit Freundin aus Berlin, zwei Rettungsschwimmer, viele sind gekommen, ergriffen, solidarisch und engagiert. Spaeter kommen immer mehr Leute dazu, die ich nicht kenne und deren Anwesenheit in mir ein gutes Gefuehl hervorruft.

 ImageRettungsschwimmer Paco mit KranzPaco, einer der Rettungsschwimmer, traegt den Kranz, den Isidoro Torres Cardona im Namen der Inselgemeinde und in Gedenken an die Ertrinkungsopfer an Formenteras Straenden mitgebracht hat, ins Meer hinaus. Er ist noch ganz lange zu sehen, und das Meer traegt ihn in Richtung Cap de Berberia. Bevor es ganz dunkel ist und alle Gaeste der kleinen Feier schon weg sind, drehe ich mich noch einmal um, sehe den Kranz aber nicht mehr.

Wir essen späer und reden über die Welt und den Terror. Unser aller persönliches Schicksal wird immer kleiner, während das Schicksal der Opfer in Amerika immer mehr zu unserem wird.


19. September, Mittwoch

ImageDirekt neben der Salzmühle entdecken wir drei grosse LKW, die sich später als Autos einer Filmproduktion zu erkennen geben, die heute einen vierzehnstündigen Drehtag auf dem kleinen Felsen Ses Illetes angesetzt hat. Der Streifen mit dem Arbeitstitel Amnesia ist eine italienisch-spanische Co-Produktion und soll im März in die italienischen Kinos kommen. Noch mehr interessiert uns eine Ausstellung des Malers Richard Scowen, den wir in der Sala d`Exposicions Ajuntament Vell Sant Francesc (Galerie am Marktplatz) treffen und der uns seine wunderschönen Formentera-Arbeiten zeigt. Wir sind die einzigen Gäste in der Galerie, aber Richard bleibt noch vier Tage, bevor er nach England zurückgeht.

Die Sonne für Beate liegt friedlich auf dem Felsen, einige Leute gehen hin und lesen die Information dazu und und sprechen darüber. Ab mittags kommt die lang ersehnte Sonne hinter den Wolken hervor und Urlauber eilen blitzschnell an den Strand. Aber der Wind kümmert sich nicht um die Sonne und peitscht gegen die Felsen. Fast alle Flaggen sind rot und es ist Badeverbot. Ein Mann will weit hinaus, seine Partnerin lässt ihn allein weiter rausschwimmen, will wieder an den Strand, warum soll sie den Mann nicht allein lassen? Sein Kopf ist bei den hohen Wellen manchmal längere Zeit nicht zu sehen. Ploözlich taucht er wieder auf. Seine Partnerin liegt längst unter dem Sonnenschirm. Wenn der Mann von der Strömung weggezogen worden waere: die Frau haette es nicht gemerkt.

ImageMaria vom La Fragata kassiert jetzt an den Liegestühlen in der Bucht vor ihrem Restaurante. Inzwischen ist auch die grüne Dauerflagge am Vista Sol gegen eine rote ausgetauscht worden, fast als Antwort darauf zuckt Maria mit den Schultern: "Ich warne immer die Leute, aber die wenigsten wollen was von Gefahren wissen." Viele Urlauber gehen trotz der roten Flagge ins Wasser. Die Wellen sind viel zu attraktiv, um nicht hineinzugehen, darum werden die Fahnen nicht ernst genommen und ignoriert. Die Schwimmhilfen der beiden kleinen Kinder unterhalb der La Fragata, deren Eltern auch kein Interesse an Flaggenfarben zeigen, haben genau die gleiche rote Signalfarbe wie die roten Flagge an den gut sichtbaren Fahnenstangen.

20. September, Donnerstag

In der Diario de Ibiza, der Tageszeitung fuer Ibiza und Formentera, wird in zwei bebilderten Artikeln ausführlich über die Aktionen von Blausand.de, über die Feier an der Sonne für Beate und die Forderungen an den Bürgermeister und die Verantwortlichen für die kommende Badesaison berichtet, sowohl im spanischen Lokalteil als auch auf den Donnerstags erscheinenden deutschen Seiten berichtet.

Image Blausand-Forderungen für noch mehr Sicherheit im kommenden Jahr werden zu meiner grössten Freude von der Wirklichkeit eingeholt. Tatsächlich gibt es seit kurzem an den gefährlichen Badestraenden der Insel (Platja Migjorn in der Bucht von Es Arenals und am Tanga Beach) Hochsitze, gesponsert von Coca Cola. Wieder ein Schritt nach vorn. Ein Mini-Wermutstropfen: Sponsor, so denke ich, haäte auch einer der grossen deutschen Reiseveranstalter sein können. Eine verpasste Chance für ein Zeichen der Veranstalter zum Thema Engagement für Strandsicherheit.

Uwe, der schon wieder in Deutschland ist, schickt uns Wünsche fuer ein paar weitere ruhige Tage auf der Insel. Wir glauben zu verstehen, was er damit meint. Im Café Matinal treffen wir Isidoro Torres, den Bürgermeister, es folgt eine herzliche Begrüssung und ein kurzes Gespräch über die Feier am Strand vor zwei Tagen. Abends sind wir wieder am Piratabus. Der Mondsichel können wir zusehen, als sie genau um 21.58 Uhr goldgelb im Meer versinkt. Um genau 22 Uhr, zwei Minuten später, zünden wir uns aus gegebenem Anlass einen Joint auf den Frieden an.


21. September, Freitag

Image Westlich von der Blue Bar liegt der Kiosko Lucky von Davide, Andrea und Hundefreund Gracci, der frueher im Piratabus gearbeitet hat. Wir fühlen uns hier wunderbar, der Strand ist viel leerer als weiter östlich und hat eine tolle relaxte Atmosphäre. Später gibt es kulinarische "Pasta Jamon y limon", und wir fragen uns mal wieder, warum das preisgünstige Essen hier viel besser als in den Durchschnittsküchen vieler Inselrestaurantes auf Formentera ist.

Die Hauswand von Pedros Internet-Café in der P.O. Box am Ortseingang von San Fernando Richtung San Francisco inspiriert mich jedes Jahr neu, sie zu fotografieren. Das Motiv, so berichtet mir Pedro, ist eines der Bilder von François Mennes, der seit 25 Jahren mit seiner Frau Georgia Pine, die ebenfalls Malerin ist, in Can Parra (Cap de Berberia) auf Formentera lebt.

Image Abends kommt eine Frau auf unsere Terrasse: Beate aus Duisburg, die ich vor sechs Jahren zum letzten Mal auf Formentera sah und die noch genauso agil wie früher ist. Zwischen uns entsteht sofort die alte Vertrautheit. Beate sieht die Blausand.de-Aufkleber auf unserem Tisch, ich bin erfreut darüber, dass sie von Blausand.de schon früher gehört hat und wir sprechen lange über Formenterastrände und ihre Schönheiten, ihre Faszination und ihre Gefahren. Erst später wird mir klar, dass sie vom Tod meiner Schwester gar nichts weiss, und sie ist völlig schockiert über den Tod der Frau mit demselben Namen, die in derselben Firma gearbeitet hat und die vor allem dieselbe Inselverrücktheit besass. Plötzlich sitzt eine Grossfamilie an einem riesigen Tisch im Restaurant am Meer, alles Frauen, Männer und Kinder aus Duisburg, Beate hat sie irgendwann alle nach Formentera gebracht.

Später bringt uns Beate nach San Fernando zur Fonda Pepe. 4 Men Terror ("die einzige und beste Rockband der Insel") spielen ab halb elf vor der Kirche in San Fernando. Die Musik ist klasse, der Sound für die ohrenbetäubend und schlecht. Harry ("when I was young") läuft zur Topform auf und schreit laut in die sternklare Nacht, was er nicht immer macht: "When I was still fucking young !!!". Eric spielt brav seine Formentera-Gitarre und seine Tochter Dana (Herr Rossi schätzt sie auf irgendwo zwischen 17 und 22) singt ein niedliches Liedchen. Angela tanzt als einzige für alle anderen mit und rollt, als ihre Power verschwindet, mit dem Fahrrad in Richtung La Sabina.

Hunde rasen zwischen Feuerschluckern rum und die Luft ist mal wieder voller definierbarer Gerüche aus alten Zeiten. Herr Rossi, seit kurzem engagierter Web-Designer fuer Formentera Guitars, fotografiert alles, was sich bewegt. Schoppi sitzt unbewegt auf einer der Mauern. Beni Trutmann hört entspannt zu, schweigt, geniesst und lächelt.

Image Blitzschnell hat Julian von der Fonda Pepe seinen Flascheneinsammelplatz hinter die Fonda verlegt, eigentlich eine gelungene Abwechslung zum Einerlei des üblichen Terrains. Vor der Fondatheke wartest du jetzt mindestens eine gute Viertelstunde auf dein San Miguel oder deinen Hierbas con hielo, dann spricht sich rum, dass es in der Bar San Fernando gegenüber viel schneller geht, urplötzlich ist die Fonda-Theke wieder leer und die Kellner langweilen sich. Das passiert nicht oft um diese Zeit. Um vier schliesst Julian alle Fonda-Gittertüren und fängt hinter verschlossenen Türen an, Geld zu zählen.

Felix von der Bar Bon y Sol ist stinksauer auf Taxi Nr. 10, weil der die Gäste einfach vor der Tür stehen lässt, als sie nicht sofort einsteigen. Zu seiner Enttäuschung hat sich Felix zwei Tage vorher für einen Privatfriseur entschieden, der ihn total kurzgeschoren hat. Es sitzt direkt auf dem Stuhl neben der Theke, und zu viele fragen die Bedienung: "Wo ist denn Felix heute?"

Image Plötzlich sind in San Fernando alle Kneipen zu und alle Taxifahrer scheinen laengst zu Hause zu sein. Auf den Stuehlen der Bar Verdera bleiben, bis die Nacht zuende ist? Bis zum Sonnenaufgang kann es nicht lange dauern, als ziemliches sicheres Zeichen fuer diese Vermutung ist der Muellwagen laengst durchgefahren. Wir versuchen, zu trampen. Aber Leute, die schon vor vielen Stunden ziemlich betrunken in Kneipen reingestolpert sind, setzen sich, nachdem sie eine halbe Stunde in ihren Taschen vergrabene Autoschlüssel gesucht und gefunden haben, langsam ans Steuer und fahren besoffen nach Hause. Langsam geht die Sonne auf. Taxi Nr.10 macht heute doch noch Nachtschicht und bringt uns zur Platja Migjorn.

22. September, Sonnabend

Image Quartierwechsel ist angesagt, ziemlich früh und noch ziemlich angeschlagen. Hermann, Beates Bruder, der ein Reisebüro in Moers hat, leiht uns sein Auto für den Transport unseres Gepäcks. Unsere neues Appartement liegt auch an der Platja Migjorn, im Wald, Pinos Playa. Maria vom La Fragata erkundigt sich erst vorsichtig nach unserer neuen Unterkunft und rast etwas später quer durch den Pinienwald hinter uns her: Sie vermisst ein Kopfkissen und nimmt, ohne uns zu fragen, eine Durchsuchung unseres neuen Schlafzimmers vor. Zu ihrer sichtbaren Verärgerung findet sie nichts bei uns. Sie ahnt: wenn das Kissen erst mal Ibiza erreicht hat, sieht sie es nie im Leben wieder. Uns wundert eigentlich nur, dass sie die Guardia Civil nicht mitgebracht hat.

In unserem Apartement vom Pinos Playa steht ein kleiner Fernseher. Mir fällt ein, dass Werder Bremen heute in Hamburg gegen den HSV spielt. Plötzlich beginnen wieder die Planspiele in meinem Kopf: Wenn der HSV gegen Werder gewinnt (womit ich schwer rechne) und Werder Trainer Thomas Schaaf entlässt, koennte der gerade entlassene Hamburg-Trainer Pagelsdorf zu Werder kommen und Bremen in der ersten Liga halten, aber damit rechne ich inzwischen auch nicht mehr richtig. Alles graue doofe Fussballtheorie. Werder gewinnt in Hamburg sensationell mit 4:0, Thomas Schaaf darf jetzt vielleicht wieder ein paar Spielchen verlieren und ich mich vielleicht wieder über ein paar Werderspielchen aergern. Heute freue ich mich jedenfalls zum ersten Mal, seitdem sich die Welt verändert hat, wieder über Fussball.

Später gibt es einen unerwarteten langgezogenen Donnergroll. Ein sanfter Regen, zumindest von den Formenterensern lang erwartet, legt sich über den Pinienwald. Der wunderbare Geruch weckt mich früh.


23. September, Sonntag

Image Die Platja Migjorn ist paradiesisch gefährlich an diesem Sonntagmorgen, früh um neun. Traumsonne, starker auflandiger Südwind, die klassisch gefährlichen Strömungen, die du nicht siehst. Es kommen die ersten Gäste vom Santi, vom Maysi und vom Riu La Mola runter ans Meer, aber die Fahnen hängen noch nicht. Antonio, der die Strandliegen ordentlich hinstellt, warnt einige Urlauber, indem er aufs Wasser zeigt und die Hände dreht, um auf Strömungen aufmerksam zu machen. Wenige verstehen seine Gesten.

Im Wasser findest du kaum noch Muscheln, auch nicht beim Schnorcheln, du musst ganz lange am Strand und unten am Wasser zwischen den Felsen suchen oder dich mit vielen gleich aussehenden Formenteramuscheln zufriedengeben. Später, zu Hause, erkennst du die Schönheit und die Unterschiede und es ist kein Muscheleinerlei mehr. Jede ist nicht nur anders, eine sogar schöner als die andere. Man sollte allen Menschen eine tolle Muschel mit nach Hause bringen.

Image Bille Kettler und Achim Gliem laden uns zum Sonntagsfrühstueck in ihre Redaktionsraeume am Ortseingang von La Sabina ein, im naechsten Jahr starten sie mit der neuen Formentera-Zeitung, die sie von Lothar Gross übernommen haben. Beide sind voll mit guten Ideen. Bille und Achim planen sogar in diesem Jahr noch eine Weihnachtsausgabe. Eine Website mit ersten Informationen gibt es auch schon. Wir wünschen den Zeitungsmachern viel Glueck und sind uns einer guten Zusammenarbeit im nächsten Jahr sicher.

Voller Strand am Tanga Beach, tolles Wetter, grüne Fahne. Wir treffen die Rettungsschwimmer Miquel und Rosa, die schon seit drei Jahren auf Formentera ist und aus Madrid kommt. Wie bewerten sie die neuen Hochsitze? Endlich sind sie da, sagt Miquel, vorher konntest du auf kleinen Camingstuehlen sitzen, bei gefährlichem Wetter nur einen Teil der Bucht überblicken und jetzt alles sehen. Für einen festen Standort sind Miquel und Rosa heute nicht eingeteilt, ihr Einsatzbereich umfasst den gesamten nördlichen Abschnitt bis zur Spitze Formenteras am Pas d`Es Trocadors in Richtung Espalmador, den sie am schnellstens mit dem Jet Ski erreichen.

Während der Rush Hour, die nur zwischen 4 und 9 Uhr morgens unterbrochen wird, fahren in verschiedenen Lagen Fahrräder, Mopeds, Roller und Autos nebeneinander, die oft noch von Bussen überholt werden.

Image Abends treffen wir uns mit Mike und Doris im Sa Barrakka in Es Pujols zum Tapasabend und trinken einen mehr als guten Wein vom Festland. Auf das Angebot, den Abend mit Formenterawein zu verbringen, verzichten wir aus gesundheitlichen Gründen. Meine Lieblingstapas, Pulpo a la gallega, sind köstlich.

Später treffe ich im Bon y sol Rolf Steckel von Reinhardt Touristik aus Duesseldorf, der sich mit seinem Team vorbildlich fuer die Sicherheit an Formenteras Straenden einsetzt. Mit Rolf spreche ich ueber die Feier an der Sonne fuer Beate, meine Gefühle auf der Insel nach allem, was hier passiert ist, über die Reisebranche, Formenteras Zukunft und über die Sicherheit an den Straenden.

Image In Hamburg holt sich ein furchtbarer Jurist fast jede fünfte Wählerstimme. Und in New York sagt Oprah Winfrey einen Satz, der mich berührt. "Ich glaube, wenn man einen lieben Menschen verliert, dann bekommt man einen Engel, dessen Namen man kennt. Jetzt gibt es mehr als 6000 neue Engel." Bewaffnete Leute werden bald mit in Flugzeugen sitzen und die Fassungslosigkeit hält an. Claudia fliegt gegen Ende dieser Woche nach Miami und ich bin besorgt.

 24. September, Montag

Das Wetter ist sonnig und wieder wunderschön, aber alle Fahnen sind rot. Wieder kommen die Urlauber aus den Appartementos Maysi und Santi und Es Arenals und überall her und sind sich nicht sicher darüber, ob sie ins Wasser gehen sollen. Was gilt: das gute Wetter oder die roten Fahnen? Aber die Sonne und die Wäme und die paradiesischen Strände haben nichts mit der Gefahr zu tun. Viele empfinden die roten Fahnen als Vertreibung von ihrem Hausstrand. Andere Strände, die heute viel ungefährlicher sind, kommen für viele nicht in Frage.

Image Einer der Kellner vom Es Arenals versucht, den Plastik-Windschutz zu putzen und verteilt damit den Sand und den Schmutz, der vom Wind der letzten Nacht hängengeblieben ist. Die Rettungsschwimmer langweilen sich, weil keiner ins Wasser geht, und die Stühle an der kleinen Unfallstation und auch die beiden Hochsitze sind leer. Alle Zeitungen sind voll von Terror. Wieviel kann ein Mensch davon ertragen und wann braucht er seine Ruhe?

Bis zum Platja de Tramuntana auf der anderen Seite der Insel sind es nur ein paar wenige Kilometer mit dem Fahrrad, die Insel ist an dieser Stelle nur ganz schmal. Wir sehen gruüne Fahnen, es ist völlig windstill, vor uns ruhiges Wasser, wunderbare Buchten und wir verbringen einen friedlichen Nachmittag am Strand. Ich lese das Buch über Neil Young "Rocking in the free world - die amerikanischen Jahre". An mindestens drei Stellen am Strand erkenne ich im Umkreis riesengrosse Bild-Schlagzeilen über Bin Laden. Neil Young mit seiner "Journey through the past" hat ein schnelles Ende gefunden.

Ein letzter Abend am Piratabus. Wenige Leute sind da, eine vertraute, intime Stimmung erwartet uns. Der Halbmond löst die Sonne ab. Wenn wir wieder weg sind, wird es nachts hier wieder heller. Auf dem Weg in Richtung Es Arenals wird Carlos Santana vom Piratabus her immer leiser. Nur noch ein kleines Licht ist oben an der Holzbude zu sehen. Der Sand ist feucht, und die Wellen donnern seitlich eine traurige Melodie. Zwei Jahre sind eine verdammt kurze Zeit, eine zu kurze Zeit. Die roten Flaggen vom Tage sind geblieben, wir schweigen und reden trotzdem. Time to say goodbye.

 25. September, Dienstag

Abschied von der Insel, Abschied vom Pinienwald, vom Geruch, den ich auch noch in der Nase habe, wenn ich schon wieder in Deutschland bin, Abschied vom immer wieder tollen Klima und rein in den herbstlich nasskalten Norden Deutschlands. Ich wäre gern unter denen, die gerade mit der ersten Fähre ankommen, als die Sonne über Formentera aufgeht und wir noch müde und etwas traurig aufs Schiff gehen. Sonnenaufgang ist heute morgen wie Sonnenuntergang.

Wir können draussen an Deck bleiben. Das Salz auf der Haut in unseren Gesichtern und den salzigen Geschmack nehmen wir mit. Jedesmal, wenn ich von der Insel wegfahre, gibt es einen Gedanken, dass ich bald wiederkommen will. Diesmal weiss ich aber nicht, wann. Es gibt so viele Unsicherheiten in der Welt und Veränderungen scheinen noch endgültiger zu sein als vorher, als die Zeiten ruhiger schienen. Die Kontrollen am Flughafen sind so wie immer, jetzt, seitdem ich drauf achte, so nachlässig wie immer. Ein Messer in unseren Schuhen haetten weder Mensch noch Maschine erkannt.

Nein, Angst habe ich deshalb nicht. Es gibt Dinge im Leben, die ich nicht verändern kann. Vielleicht kann man im Kleinen mehr erreichen.

c Rolf Lüke, Blausand.de


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