Frank Pia, US-Rettungsexperte, ?ber die Anzeichen des "stillen Ertrinkens"

Image Frank Pia ist einer der bekanntesten Experten für Präventionsforschung und Wasserrettung in den USA. Sein wichtigstes Thema ist das Phänomen des "stillen Ertrinkens", das er für Schulungszwecke thematisiert hat. Frank Pia arbeitet heute im US-Bundesstaat New York als anerkannter Wissenschaftler und Experte im Bereich der internationalen Wasserrettung.

Das Interview mit Frank Pia führte Rolf Lüke von Blausand.de am 20. Februar 2005 in New York.

Mr. Pia, Sie haben als Experte für Wasserrettung in den USA die Gefahrensituationen seit Jahrzehnten beobachtet und erforscht. Wo liegen die grössten Gefahren?Pia: Ich glaube, daß es drei Hauptursachen für das Ertrinken gibt. Einmal sind es die Bedingungen der Natur rund um das Wasser, dann die Bewachungssituation und natürlich das Verhalten der Menschen.

Wenn ein Mensch ertrinkt, sind diese drei Gründe also in den meisten Fällen die Ursache. Bei Ertrinkungsunfällen im Meer sind die Hauptursache allerdings die Rip-Strömungen.

Gehen in den USA Badeunfälle in den letzten Jahren zurück oder steigen sie an und wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?


Image Pia: Ertrinkungszahlen in den USA haben sich in den letzten 20 Jahren verringert. Ein wesentlicher Grund für die Reduzierung der Ertrinkungszahlen ist sicher, dass Ertrinken inzwischen als ein Problem betrachtet wird, das während des gesamten Jahres auftreten kann und es auch ein deutlicheres Bewusstsein für die individuellen Ursachen bei den verschiedenen Altersgruppen gibt. Ein Beispiel dafür ist die Erkenntnis, dass die Unfallgründe bei Kindern im Alter zwischen 1 und 3 Jahren gegenüber den Ertrinkungsursachen in der Gruppe der Jugendlichen stark voneinander abweichen.

Wird in den USA ausreichend über Wassergefahren informiert?

Pia: Die Gefahr des Ertrinkens ist an den offiziellen Badestellen der amerikanischen Bundesstaaten, an denen Bewachungs- und Rettungsdienste vorhanden sind, extrem niedrig. Dies zeigt sich exemplarisch an den Stränden von New York City. Im Jahr 2003 gab es bei 11,5 Millionen Besuchern nicht einen einzigen Ertrinkungsunfall an bewachten Badestränden.

Gibt es in den USA eine Ursachenanalyse bei Ertrinkungsunfällen?

Pia: Die Gesundheitsbehörde des Bundesstaates New York verfügt über eine richtungsweisende Ursachenanalyse der Ertrinkungsfälle in den Bereichen, die von Lifeguards gesichert waren. Die "Sackett-Burhans Drowning Analysis Matrix", eine von Douglas C. Sackett, dem Leiter der Umwelt- und Gesundsheitsbehörde entwickelte epidemiologische Grundlagenanalyse ist eine ausgezeichnete Basis für die Ursachenbewertung der individuellen Ertrinkungsgründe.

Welche Rolle spielen Rip-Strömungen bei Ertrinkungsunfällen im Meer?

Image Pia: Wir wissen, dass Rip-Strömungen die Ursache in 80 Prozent aller Rettungseinsätze von Lifeguards an den Brandungstränden der Vereinigten Staaten ist. Normalerweise haben Schwimmer in diesen Fällen die Gewalt dieser tödlichen Gefahr unterschätzt und waren nicht in der Lage, den Ripströmungen zu entgehen, indem sie sich aus dem Strömungsbereich entfernen und parallel zum Strand an das Ufer zurück schwimmen.

Werden in den USA Menschen, die trotz Badeverbot baden, bestraft?

Pia: Lifeguards und Polizei versuchen erst einmal, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie nicht in den Badeverbotszonen schwimmen dürfen. Wenn durch diese Hinweise keine Kooperation möglich ist, erfolgt normalerweise die Information darüber, daß dieses Verhalten eine Geldstrafe nach sich ziehen kann. In extremen Fällen kann die betreffende Person aber auch in Haft genommen werden.

Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Ertrinkungstoten in USA im Jahr und an welchen Wasserstellen passieren die meisten Unfälle?

Pia: Die Statistik sagt aus, dass in jedem der letzten Jahre etwa 4000 Menschen in den Vereinigten Staaten ertrunken sind. Die Ertrinkungsunfälle traten nach den Zahlen des "National Safety Council" bei Schwimmern, Nichtschwimmern sowie im Bereich der Bootsunfälle auf.

Interessant ist dabei, dass zwei Drittel der Menschen, die in jedem Jahr in den Vereinigten Staaten durch Ertrinken zu Tode kommen, überhaupt nicht im Wasser sein wollten und dass fast die Hälfte aller Todesfälle ausserhalb der Badesaison passieren!

Mr. Pia, Sie haben unter anderem das Phänomen des so genannten "stillen Ertrinkens" intensiv erforscht. Welche Anzeichen sind die wichtigsten?

Image Pia: Ich bin überzeugt davon, dass es bei Menschen im Wasser einen grossen Irrtum in der Bewertung von drohenden Ertrinkungsgefahren gibt. Menschen ist der Unterschied zwischen dem Verhalten von Personen, die Badespass haben und denen, die Probleme im Wasser haben und aktuell ertrinken, nicht bewusst. Die übliche Vorstellung ist, dass ein Schwimmer in einer Notsituation dadurch auf sich aufmerksam macht, indem er um Hilfe ruft und entsprechende Zeichen gibt. Dieses Szenario kennen Menschen vor allem aus Filmen und aus dem Fernsehen. Ein Mensch, der ertrinkt, ist aber in der konkreten Gefahrensituation überhaupt nicht mehr fähig, zu schwimmen und sich über Wasser zu halten - und als Nichtschwimmer war er noch nie in der Lage dazu! Die ertrinkende Person kann also nicht um Hilfe rufen, weil sich in diesem Moment Mund und Nase ständig entweder unter Wasser befinden oder über der Wasseroberfläche sind, um Luft zu inhallieren und zu atmen!

Der Ertrinkende hat also weder Zeit noch Ressourcen, um durch Hilferufe auf sich aufmerksam zu machen. Dieser Mensch kann im Überlebenskampf nicht um Hilfe rufen, weil die Natur ihn instinktiv zwingt, an der Wasseroberfläche zu bleiben, um zu versuchen, seine Atmungsorgane einzusetzen.

Das Fatale in dieser Situation ist, dass dieser Kampf sehr kurz ist. Denn er dauert in den meisten Fällen nur zwischen 30 und 60 Sekunden, bevor der Mensch untergeht und ertrinkt.

Gibt es Fortschritte dahingehend, dass andere Menschen am und im Wasser diese Anzeichen erkennen?

ImagePia: Eindeutig ja. Ihr Besuch in New York und unser Gespräch weisen zum Beispiel darauf hin, dass das Problem erkannt wird. Hinzu kommt: DerSicherheitsbereich der US Army in Deutschland hat das in Deutschland stationierte Personal aufgefordert, sich meine Video-Dokumentation mit diesen speziellen Ertrinkungssituationen anzusehen. Die Dokumentation zeigt die beschriebenen Ertrinkungsprozesse in voller Länge und wird in Deutschland inzwischen auch an andere Organisationen weiter gegeben.

In den Vereinigten Staaten gibt es ein System von bezahlten und freiwilligen Wasserrettern. Welche Vorteile sehen Sie hierbei gegenüber einem System von ausschliesslich freiwilligen Wasserrettern - wie etwa in Deutschland und anderen europäischen Ländern?

Pia: Leider habe ich nicht die Sachkenntnis, um Wasserrettung und Strandbewachung in den Vereinigten Staaten mit der in Europa zu vergleichen. Während meines Besuchs in Holland anlässlich des "World Congress on Drowning" (Weltkongress gegen das Ertrinken) war ich aber sehr beeindruckt von der guten Ausbildung, von der technischen Ausrüstung und den Erfahrungsberichten beider Gruppen in den einzelnen europäischen Ländern - sowohl der freiwilligen als auch der bezahlten Wasserretter.

Frank Pia, welche Rolle spielen Schwimmfähigkeiten bei den Unfallursachen in den Vereinigten Staaten?

Image Pia: Ich glaube, daß die eigene Fehleinschätzung einer Person in Hinblick auf ihre Schwimmfähigkeiten eine bedeutsame Ursache für das Ertrinken ist. Auch hierzu ein aktuelles Beispiel, das diese Aussage bestätigt: Im Bundesstaat New York verfügten 42 Prozent der Menschen, die in den Jahren zwischen 1987 bis 2004 an einem bewachten Badestrand ertrunken sind, über Schwimmfähigkeiten.

Der Zusammenhang zwischen diesen Daten zeigt deutlich, in welcher Weise Menschen mit geringen Schwimmfähigkeiten durch deren Selbstüberschätzung zu den Opfern zählen.

In Deutschland gibt es von Jahr zu Jahr weniger Bereitschaft, sich als freiwilliger Rettungsschwimmer ausbilden zu lassen. Ist die Entwicklung in den USA ähnlich und wie lassen sich junge Leute am besten motivieren?

Pia: In den Vereinigten Staaten gibt es mit Ausnahme der "Junior Lifeguards", die sich noch in der Ausbildung befinden, nur sehr selten freiwillige Lebensretter ohne Bezahlung. Die Regel ist, dass Lifeguards in den USA als "bezahlte Saisonarbeiter" aktiv sind.

In den letzten zehn Jahren hat es allerdings auch in den USA einen deutlichen Mangel an Rettungsschwimmern gegeben. Es ist eben sehr schwer, junge Leute für den Job des Lifeguards zu motivieren, wenn sie mehr Geld mit anderen Tätigkeiten verdienen können, ohne dabei Verantwortung des Rettungsschwimmers und die Trainingsvoraussetzungen übernehmen zu müssen.

In Europa gibt es bisher keine Bewertung der Gefahren an einzelnen Stränden. Gibt es in den USA Informationen über gefährliche und weniger gefährliche Strände und welche Kriterien sind für diese Informationen bestimmend?

Image Pia: Die Kommunen, die US-Bundesstaaten und die amerikanischen Rettungsorganisationen arbeiten mit unterschiedlichen Bewertungssystemen für ihre jeweiligen Strände. Ein standardisiertes System gibt es zur Zeit noch nicht.

Professionelle Wasserrettung hat auch zu tun mit schneller medizinischer Versorgung. Eine Schockbehandlung bei Herzkammerflimmern ist aber nur in den ersten Minuten wirksam. Ist diese durch Einsatz eines Defibrillators auch bei Wasserunfällen in den US-Bundesstaaten flächendeckend gewährleistet?

Pia: Der Einsatz von Defibrillatoren an den Stränden und den Swimmingpools in den Vereinigten Staaten wird inzwischen intensiver betrieben und das amerikanische Rote Kreuz bietet den Lifeguards verstärkt Training für die Bedienung dieses Gerätes an. Allerdings wird der Defibrillator nicht von allen Schwimmeinrichtungen angefordert.

Wir glauben, dass Wasserretter in den USA einen wesentlich besseres Image haben als etwa in Deutschland. Teilen Sie diese Meinung?

Pia: Eine schwierig zu beantwortende Frage. Die "Surf Beach Lifeguards" in den USA haben ein positives Image. Andererseits vermutet man, dass Lifeguards an Pools und stillen Gewässern einen leichten Job haben.

Traurig ist in diesem Zusammenhang, dass Lebensretter an diesen Badestellen erst dann ihre dringend notwendige Beachtung und Anerkennung finden, wenn ein Notfall eingetreten ist und sie sich beweisen konnten.

Mr. Pia, in Europa haben wir sehr unterschiedliche Warnsysteme in den einzelnen Ländern, viele bunte Flaggen (wenn überhaupt) mit vielen Ausnahmen. Ist das in den USA anders?

Pia: Zur Zeit gibt es auch in den USA noch kein standardisiertes farbig gekennzeichnetes Warnflaggensystem. Bemühungen durch verschiedene Wasserrettungsorganisationen, diese unterschiedlichen Systeme zu vereinheitlichen, hat es allerdings gegeben.

Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten für Wasserrettung sind in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich und zum Teil völlig unklar. Wie sieht das in den USA aus?

Pia: Die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für die Wassersicherheit in den USA werden durch die "state and local health departments" geregelt. Wenn Lifeguards angefordert werden, werden minimale Standards definiert.

 Sehen Sie in Anbetracht der globalen Erwärmung und des stetig ansteigenden Meeresspiegels eine besondere Notwendigkeit für zukünftige Strandbewachung und welche Lehren sollten nach Ihrer Einschätzung aus der Tsunami-Katastrophe gezogen werden?

Pia: Der Schutz menschlichen Lebens vor katastrophalen Folgen jedweder Art sollte bei den Massnahmen für die Risikobewertung, für die Erhöhung des Gefahrenbewusstseins und für das globale Risikomanagement immer im Vordergrund stehen.

Interview: Rolf Lüke, Blausand.de

© Blausand.de 2005

This Interview is also available in English. Please contact us:

Weiterführende Links zur Arbeit von Frank Pia und zum Thema "silent drowning":
www.pia-enterprises.com/consulting.html
www.insideedition.com/investigative/drowning.htm



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