Türkei: Strandsicherheit Mangelware (2004)
ImageZuständig ist meist nur das Hotelpersonal, flächendeckende Strandsicherheit ist an türkischen Badestränden nicht vorhanden. Oft scheint es die Einstellung zu geben, dass zumindest ausserhalb der grossen Touristenzentren die Verantwortung ausschliesslich bei den Urlaubern liegt. Im Bereich zwischen Antalya und Alanya wurden in den letzten Jahren viele Badeunfälle bekannt.

Das Blausand.de-Team reiste für eine SWR-Fernsehdokumentation im Juni 2004 an die türkische Reviera, um die Urlaubsstrände zwischen Antalya und Belek auf Wassersicherheit zu testen. Hier der Bericht:
Antalya-Airport: Moskau, Sibirien, Leningrad


Antalya-Airport, gute 3 Flugstunden von Deutschland entfernt.
Jetzt, am frühen Morgen, kommt hier alles rein, was Flügel hat. Antalya hat sich dem osteuropäischen Tourismusmarkt angedient und die Maschinen kommen aus Moskau, Sibirien, Leningrad. Das kleine Problem: Die Leute brauchen ein Visum.

Alle kommen durch einen stickigen Passkontrollwarteraum, 8 Schalter, mindestens 400 Leute vor uns, in den Pässen wird jede Seite umgeschlagen. Kinder schreien, Senioren schwitzen, Singles meckern. Gegen die Massenbewegungen ankommender Gäste erscheint uns Palma de Mallorca wie ein Provinzflughafen.

ImageDer türkische Airport hat es bis heute nicht geschafft, sich auf die Massen deutscher, englischer und vor allem osteuropäischer Urlauber auch nur annähernd einzustellen. Wir harren vor der Passkontrolle über eine Stunde aus, der Raum ist kaum höher als wir, es sind über 30 Grad, eine Klimaanlage gibt es nicht. Die Visa von russischen Urlaubern werden penibel gecheckt. Das Gedränge auf dem Männerklo im Bremer Weserstadion ist nichts gegen diese Menschenmassen, die hier auf türkische Sonne warten und oft erst nach Stunden aus dem Flughafen strömen.

Nach einer guten Stunde sind wir draussen - 35 Grad, mindestens. An den Schaltern von Alltours, Neckermann und vor allem Öger Tours fängt das Urlaubschaos erneut los - die Massen müssen in mehr als hundert Busse verfrachtet werden. Wir werden in unser 48-stündiges Strandabenteuer entlassen und treffen draußen auf unser Produktionsteam.

Hotelclubs "All inclusive, all same same"

 Gökhan und Ton Sedat, unser türkisches Kamerateam, stehen zusammen mit Stefan vom Südwestrundfunk am Flughafen und erwarten uns. Die Zeit drängt. Gökhan ist noch angeschlagen, gestern stand er für TV-Nachrichten an der irakischen Grenze.
Das Team, Claudia und ich fahren zwischen Taurus-Gebirge und zahlreichen Golfplätzen nach Belek. Der Inbegriff des türkischen Tourismusbooms heißt Belek. In dem Bauerndorf wurden früher Sesam, Baumwolle und Mais angebaut. Heute besteht es weitgehend aus Fünf-Sterne-Hotels, die aber auch Zonen haben, wo Bierbäuche und Badeschlappen nur selten zu finden sind. 

Uns fällt ein, dass der deutsche Meister Werder Bremen sich ausgerechnet hier in Belek auf die Rückrunde vorbereitete - mit Ailton, der pünktlich aus dem Winterurlaub in Brasilien zurückgekehrt war - eigentlich kein schlechtes Omen.

Die Gäste vom "Club Voyage Cesars", rund 45 Minuten vom Flughafen entfernt, kommen meist aus Russland, Deutschland und England. Wenn Du hier eine Woche bleibst, kostet Dich das bei Alltours ab Bremen bei 2 Personen rund 600 Euro - all inclusive, Raki, Döner, Kebab, Massage gegen Cellulite, EM-Spiele auf Grossbildschirm mit Wasserpfeife und Chai.

Auch einschliesslich Strandsicherheit?

ImageDas wollen wir genau wissen. Irgendwo - grössere Kameras lassen sich nicht verstecken - ist unser Besuch durchgesickert, "da sind welche vom Fernsehen" wird in der Hotellobby getuschelt. Als plötzlich der Hoteldirektor mit eiligen Schritten auf uns zueilt, "alle erdenkliche Hilfe" zusagt, ist uns das nicht recht. Wir wollen nicht, dass die Rettungs-Armada auf die Türme flitzt und heile Welt für das deutsche Fernsehen spielt.

Die bei Alltours als familienfreundlich bezeichnete Hotelanlage liegt an einem weitläufigen Strand und ist auf den ersten Blick ohne besondere Gefahren, auf den zweiten Blick nicht ohne Risiko. Zwischen Swimmingpool und Riviera mündet ein Fluss ins Meer, der an dieser Stelle Strömungen und gefährliche Verwirbelungen verursacht. Was aber für einige Kids - Eltern sind weit und breit nicht zu sehen - kein Grund ist, hier nicht zu baden - trotz eines durchgestrichenen Schwimmsymbols. An dieser Stelle passt keiner auf. Zwei alte Fischer sind mit sich allein beschäftigt.

Wir gehen weiter zum vorgelagerten Hotelstrand und finden reichlich rote Flaggen, eine rote Mischung aus türkischen Nationalflaggen und einer kleinen Warnflagge und einen völlig verwaisten Aussichtsturm vor. Warnschilder über die Bedeutung der Warnflaggen gibt es hier nicht. Noch baden alle Urlauber im übersichtlichen Swimmingpool.

Die Wellen knallen intensiv auf den Strand, und plötzlich - als die Sonne wieder scheint - kommt mehr Leben ans Meer. Eine Gruppe von vielleicht fünfzig Urlaubern - Kinder und Erwachsene- geht zum Strand und stürzt sich in das aufgewühlte Meer. Wir wollen mit ihnen reden: "Sprechen Sie Deutsch oder Englisch"? Weder noch. Es sind Urlauber aus Russland, die an diesem Tag angekommen sind und nur ein Interesse haben: Ab ins Wasser, ohne Rücksicht auferst zögerlich, dann ebenfalls massenhaft hinterher. Das "broken windows"-Muster schlägt voll zu: Wenn andere es machen, dürfen wir es auch.

Inzwischen ist der Wachturm leer - der Life Guard und sein uniformierter Kollege haben Feierabend.
Später sehen wir die russischen Urlauber in der Hotellobby, die resolute Reiseleiterin verkauft Tickets fürs "Boat Rafting" am nächsten Tag. Fast jeder zahlt - aus welchen dubiosen Quellen auch immer - mit 100 Dollar-Noten.

Allein im Bereich rund um Moskau ertranken im letzten Jahr mindestens zweihundert Menschen.

Gefahren, ohne Rücksicht auf ihre Kinder, ohne Strandaufsicht. Als die Russen im Wasser sind, kommen Deutsche und Engländer

"Baywatch auf türkisch"

 In der Türkei besteht Strandsicherheit oft nur aus Personal, das die einzelnen Hotelanlagen abstellt, um ihr "Serviceangebot" abzurunden. Ausbildungsrichtlinien und eine Wasserrettungsorganisation wie etwa in Deutschland, England oder Holland sind in der Türkei praktisch nicht vorhanden. Jeder, der eine Uniform trägt und im Club beschäftigt ist, kann für mehrere Stunden an den Strand oder auf den Turm abgestellt werden. So schnell kann man baywatcher werden und einen guten Eindruck bei den Gästen hinterlassen.

Das Hospital vor den Stränden

Image Die Privatklinik "Private Anatolia Hospital" liegt an der Hauptstraße zwischen Antalya und Belek, feiert genau heute ihr einjähriges Bestehen. Der freundliche Chefarzt hat uns erwartet und stellt uns sein Personal, seine Behandlungsräume vor. Zehn Jahre hat er in Deutschland gearbeitet, spricht exzellentes Deutsch und zeigt uns seine eindrucksvoll ausgestattete Klinik, die in der Lage ist, über deutsche Krankenkassen abzurechnen. Wir sehen den Raum für die Erstversorgung, Sauerstoff, Defibrillator für die Schockbehandlung.

Bis vor einem Jahr, erfahren wir, mussten halb ertrunkene Urlauber noch ins staatliche Hospital nach Antalya gefahren werden - bei bis zu einer Stunde Fahrtzeit war es dann oft zu spät.

Ins "Anadolu Hastanesi" wurden im ersten Jahr schon viele Ertrinkungsfälle eingeliefert - erst vor zwei Tagen haben die Leute einen Halbertrunkenen behandelt und ihn ins Leben zurückholen können, berichtet der Chefarzt. Oft war das nicht möglich.

Der Bau der Klinik vor den Stränden ist ein Fortschritt, keine Frage. Aber die Schwachstelle der Rettungskette liegt nicht beim Hospital, sie befindet sich direkt am Strand. Das Rettungsmanagement ist an der Küste mit den vielen Hotelanlagen und den Millionen Urlaubern logistisch ein grosses Risiko.

Lara Beach: Gewaltiges Projekt ohne Sicherheit

Image Lara Beach ist das touristische Vorzeigeprojekt vor den Toren des Ferienortes Antalya. Hotels, Freizeitanlagen, unzählige Restaurantes, Animation, Entertainment, Fun. Wir kommen genau richtig, der riesige Freizeitpark wird genau heute offiziell eröffnet. Und es ist der Teufel los. Auf einer Breite von zwei Kilometern sollen hier ab sofort - besonders am Wochenende - zehntausende türkischer, europäischer Urlauber Spass haben. Alles ist vorbereitet für den grossen Presseauftritt, Der Strand ist sogar rot beflaggt, sollte es hier tatsächlich Warnflaggen geben?

Es sind reichlich dekorierte türkische Nationalflaggen.

Der Manager ("Ich habe das hier alles gebaut und organisiert"), weisser Sommeranzug, Einstecktuch, läuft stolz wie Oskar ungefragt auf jede Fernsehkamera los. Fünf Kamerateams interessieren sich aber nur für die türkischen cheer leaders bei der Volleyballshow. Wir bitten um ein Interview. Seine stolz geschwellte Brust platzt fast aus dem Massanzug. "Gibt es hier auch Rettungsschwimmer?" "Aber sicher", antwortet er, "der Mann muss ganz in der Nähe sein". Wo er ist, weiss er nicht. Seine Freundlichkeit paart sich mit Hilflosigkeit.

Lara Beach, zehntausend Urlauber am Tag, keine Wachtürme, keine Rettungsschwimmer, keine SOS-Säulen, Warntafeln und Rettungsringe Fehlanzeige. Hunderte von Kindern baden ohne Aufsicht im Meer. Die Brandung verstärkt den Badespass und die Gefahren.

Der weisse Bus nach Moskau

Wieder zurück am Flughafen: Dicht gedrängt stehen Hunderte von Paxen in einer noch kleineren Halle als bei unserer Ankunft, eine chaotische Mischung mit vielen Zielen, Ljubljana, Köln, Sibirien, Moskau, Hamburg. Eine Flufhafenbedienstete wühlt sich durch die Massen und sucht verzweifelt nach zehn vermissten Gästen für die Ljubljana-Maschine. Keiner weiss, wo er einsteigen soll, jetzt schreien die Kids noch lauter als bei der Ankunft, aber die Erwachsenen haben sich ihrem Schicksal ergeben.

Einige Hamburger Fluggäste haben sich am Gate nach Moskau verirrt, was die uniformierten Türkinnen zu einer lauten Drohung veranlasst: "Wenn sie in den weissen Bus einsteigen, sind Sie gleich in Russland!" Die Hamburger haben die Warnung verstanden und weichen entsetzt zurück.

Irgendwann schaffen wir es tatsächlich, in einem blauen Bus an die Hapag-Lloyd-Maschine zu kommen und sitzen drei Stunden fast regungslos in den engen Sitzen, bis uns Hamburg im strömenden Regen aus dem Charterflieger befreit.

Link für Wasserrettung in der Türkei:

Turkiye Sualtisporlari Cankurtarma ve Paletli Yuzme Sukayagi Fed.

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