Lutz Geydan über Formentera und Blausand.de (2002)
ImageIm Sommer 1974 waren wir 3 Wochen auf Fehmarn. Mein Bruder und ich trugen ständig diese gelben T-Shirts von der Europameisterschaft `72. Er mit einem Bild von Franz Beckenbauer, ich mit Günther Netzer, wegen Gladbach und der langen Matte. Wir bolzten mit unseren dort kennen gelernten Kumpels viel `rum, waren jeden Tag am Strand und versuchten ständig unsere Eltern zum Kauf eines Schlauchbootes zu überreden und hatten es irgendwann geschafft.

Mein Vater kaufte eines dieser blauen Schlauchboote, die ich so klasse fand, und der Strandteil unseres Urlaubs bekam neuen Schwung. Einen Haken hatte die Sache allerdings: Nie ließ uns mein Vater mit dem zum Boot dazugehörenden Paddel `raus. so sehr wir auch drängten, es war ihm zu gefährlich, auch weil nicht alle schwimmen konnten. Wir sollten schön in Strandnähe bleiben, ständig in seiner wachsamen und etwas sorgenvollen Beobachtung.

Irgendwann sind wir ihm dann aber doch mal entwischt. Er war nicht da, wir hatten das Paddel "zur Sicherheit" zum Strand mitgenommen, die Familien waren mit den kleineren Kindern beschäftigt und wir hatten routiniert das Schlauboot aufgepumpt und wie selbstverständlich das Paddel mit hineingeworfen.

Geschafft, zu zweit aufs Wasser, die anderen mit sich selbst beschäftigt, die Lage etwas unübersichtlich, wir waren erst mal weg. Mein Kumpel Michael konnte nicht schwimmen, hatte aber natürlich seine Schwimmflügel an und das Meer war flach, flach wie ein Handtuch.

ImageAuf dem Wasser haben wir schnell geschnallt, warum die See so flach war. Der Wind kam vom Land und wir waren, dank Landwind und Paddel, ruckzuck weit draußen und sahen, dass der Strand, unsere Sonnenschirme schon ganz schön weit weg waren und fanden das alles richtig cool. 2 Kids im Alter von 8 und 10 Jahren, keiner wunderte und kümmerte sich, wir dachten über nichts nach, als unseren Spaß.

Ich fing an, ins Wasser zu springen, unter dem Boot her zu tauchen und Micha mit Wasser zu bespritzen. Längst konnte ich nicht mehr stehen, bin aber immer dicht am Boot geblieben und hielt mich ab und an am Rand fest. Irgendwann sprang auch Micha ins Wasser. Er war mit seinen Schwimmflügeln ziemlich geschickt und ich habe bis heute keine Ahnung, warum wir das alles normal fanden.

Micha war wohl kurz davor, schwimmen zu können und wollte jetzt auch noch wie ich unter dem Boot tauchen, doch dabei störten seine Schwimmflügel. Ohne dass ich ihn gewarnt hätte, zog er seine Schwimmflügel ab, wollte auch tauchen und dabei störten die Dinger schliesslich.

Ich saß inzwischen wieder im Boot. Ich glaube, ich wollte mir seine Taten von dort aus ansehen, um ihm eventuell helfen zu können, machte mir aber ansonsten keine Gedanken oder gar Sorgen.

Micha sprang wieder ins Wasser, hielt sich am Boot fest und rief mir irgendwelche Sprüche zu. Ich guckte ihm zu, wie er da hin und her planschte, eine bisschen tauchte und alles im Griff zu haben schien.

Irgendwann sprang auch ich wieder ins Wasser. Dabei stieß ich aber das Boot an und weg, Micha hatte keinen halt mehr, und von einer Sekunde zur anderen verwandelte sich "unsere coole Bootstour" in eine bedrohliche, lebensgefährliche Angelegenheit.

ImageWas dann kam, war Angst und Panik. Ich weiß noch, wie er um sich schlug und ich ihn - aus für mich heute unverständlichen Gründen - zu fassen kriegte, um ihn von hinten unter den Armen festhaltend praktisch wieder an Land schieben zu wollen. Immer wieder ging er unter, ich hob ihn von hinten hoch, wir schluckten ständig Wasser und waren schnell völlig am Ende.

Ich sehe noch seinen Kopf vor mir auf und ab gehen, immer wieder unter Wasser und erinnere mich noch gut, wie müde und machtlos ich wurde. Die Arme taten mir weh und der kurz zuvor gemachte Jugend-Schwimm-Schein (so hieß das Ding bei uns) half überhaupt nicht.

Wir waren völlig fertig und ich glaube, die Panik wich einer schwer zu bestimmenden Hilflosigkeit, vielleicht sogar Gleichgültigkeit. Wir versuchten immer noch, irgendwie vorwärts zu kommen und über Wasser zu bleiben, hatten aber keine Kraft mehr, und die Sonnenschirme waren noch ganz weit weg.

Auf einmal hörte ich eine vertraute Stimme. Mein Vater war da, fasste nach Micha, hielt ihn fest, um sich dann auch um mich zu kümmern und hatte uns beide ganz sicher, war absolut ruhig und wir waren gerettet.

ImageDie erste Zeit danach habe ich wie in Trance wahrgenommen. Ich glaube, dass ich wieder zurück schwimmen konnte und bei meiner Mutter eingeigelt die nächsten Stunden verbracht habe. Die Normalität kam relativ schnell wieder, ohne dass wir "einfach so" zur Tagesordnung übergegangen wären. Wie viel Glück wir hatten!

21 Jahre später - im Mai `95 - war ich mit unserem damals 4 Jahre alten Sohn Janek zum ersten Mal auf Formentera, das mich heute nicht mehr los lässt. Ich überzeugte den Rest der Familie mit penetrantem Schwärmen von der Insel, ihrer zauberhaften Kargheit und Stränden, wie ich sie noch nie erlebt und gesehen hatte.

Verstärkt durch Caroline ;-)) fuhren wir dann alle 4 und lernten die Insel immer besser kennen und schätzen, verbrachten Tage mit netten und lieben Menschen, deren Bekanntschaft ich nicht mehr missen möchte. Irgendwann und irgendwo kreuzen sich immer wieder Wege von Menschen, zu denen man einen guten Draht hat und deren Handeln und Tun gut tut und Hoffnung macht.

ImageDas Meer habe ich nirgendwo anders so intensiv erlebt wie auf Formentera. Das Wasser, so blau, schön und reizvoll, mit Blicken an der Küste entlang, die sanft zum relaxen einladend den alltäglichen Wahnsinn zu Hause vergessen lassen und Kraft geben. Die ersten, zaghaften Versuche, anständig zu Schnorcheln, nur leise ahnend, was in größerer Tiefe noch kommen könnte.

Die Kinder zum ersten Mal im Meer, erst vorsichtig, dann mit viel Spaß, und Caroline manchmal wild und ungestüm, während Janek eher vorsichtig die Fußspitzen ins Wasser hält, als wollte er erst die Temperatur prüfen und nachsehen, ob ihn Fische beißen könnten.

Im Sommer ´99, unserem ersten gemeinsamen Formentera-Urlaub, hörten wir ab und an von Unglücken am Strand. Menschen, die vielleicht zu unvorsichtig waren und gerettet werden konnten, oder aber ertrunken sind. Wir waren immer vorsichtig, und so sehr die Kinder auch Spaß hatten und spielten: immer wieder ging unser Blick gerade dann sorgenvoll Richtung Meer, wenn wir sie nicht sofort entdeckten, obwohl wir sie eigentlich gar nicht im Wasser vermuteten. Die aus unserer Sicht völlig fehlenden Sicherheitsvorkehrungen brachten wir blöderweise nur mit der Mentalität der Formenterenser in Verbindung, ärgerten uns, dachten aber nicht mal daran, darauf wenigstens den Reiseveranstalter aufmerksam zu machen.

Image Meine eigenen Erfahrungen an der Ostsee spielen sicher eine kleine Rolle, wenn wir am Strand sind. Sie sensibilisieren, belasten aber nicht. Vorsicht und Respekt ist für alle geboten, und das erst recht, wenn Strände kommerzialisiert werden, wie das auf Formentera zum Teil ziemlich heftig der Fall ist. Motorboote, Jetski, Wasserski, diese Boote, mit denen uns die Unterwasserwelt näher gebracht werden soll usw.. Das alles ist in den letzten Jahren angewachsen und einiges davon, nicht alles, hat für mich wenig mit der Reizen Formenteras zu tun.

Im Frühjahr 2000 hatte ich mir dann endlich ein Modem zugelegt und natürlich war die Fonda.de eine der ersten Seiten im Netz, die mich entdeckte. Uwe und so viele andere Leute schrieben hier über "ihre Insel", und ich entdeckte eine wahre Fundgrube an Infos, Witz und auch Streit.

ImageDann Uwes Bericht über seinen Urlaub im September ´99, den ich merkwürdigerweise erst sehr spät entdeckte. Die schrecklichen Ereignisse, die zum Tod von Rolfs Schwester Beate führten und die Initiative, die Rolf ins Leben rief. Das alles hat mich sehr berührt, und als die Initiative zur Strandsicherheit durch Blausand.de noch stärker publiziert wurde, bot sich mir und anderen auch noch eine weitere, interessante Plattform für Information, Liebe zur Insel und mehr.

Blausand.de ist für mich im Netz zu einem festen Bestandteil geworden und ein weiterer Grund für die Notwendigkeit meiner Flatrate ;-). Die Liebe und Überzeugung, die man der Seite anmerkt, die tolle Schreibe von Rolf sind nicht nur für eine gute Sache, sondern machen mir auch Spaß und geben mir die Gewissheit, dass sich Menschen mit großem und ehrlichem Engagement in eine Sache vertiefen, die für viele wichtig ist.

Zum einjährigen Jubiläum von Blausand.de gratuliere ich aus ganzem Herzen. Danke an Rolf und an das ganze Team für den Einsatz und viel Erfolg, Kraft und Energie für die nächsten Ziele.

Irgendwann und irgendwo kreuzen sich immer wieder Wege von Menschen, zu denen man einen guten Draht hat und deren Handeln und Tun gut tut und Hoffnung macht.


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