"Die letzte Reise": Claudia Diemar über den Tod im Urlaub (2000)
ImageClaudia Diemar, geboren 1956, studierte Soziologie in Frankfurt am Main, leitete dort ein multikulturelles Studentenzentrum, bevor sie sich für das Schreiben als Beruf entschied.

Sie schreibt Reportagen, unter anderem für die »Berliner Zeitung«, die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, die »Frankfurter Rundschau«, das »Handelsblatt«, »Die Welt«, die »Neue Zürcher Zeitung« und den »Rheinischen Merkur«. Sie erhielt mehrere Journalisten- und Literaturpreise und lebt als freie Journalistin und Autorin in Frankfurt am Main. Der nachstehende Artikel erschien im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt".

»Was ist reisen? Ist fröhlich leben!« Der Goethe-Spruch hat Gültigkeit: Im Urlaub, da kommt Freude auf. Ans Sterben, an ein Unglück denkt keiner. Und deshalb kommt der Tod in der Fremde immer unerwartet.

Im Urlaub hat der Tod keinen Platz. Trotzdem ist er gerade in den schönsten Wochen des Jahres eine Realität, auf die sich Reiseveranstalter und Hotels schon längst eingestellt haben.

Autopista del Mare Nostrum, achtzig Kilometer nördlich von Valencia, früher Vormittag: Auf der Autobahn herrscht nur sehr schwacher Verkehr. Die Wagen fahren in großen Abständen auf der rechten Spur. Der Fahrer des Kleinbusses mit sechs deutschen Journalisten sieht beim Routineblick in den Rückspiegel hinter sich ein Auto über die Fahrbahn schleudern, die rechte Leitplanke durchbrechen und durch die Luft fliegen. Das Fahrzeug bleibt auf dem Dach in einem Olivenhain liegen. Der Kleinbus hält sofort, der Chauffeur verständigt mit dem Handy Polizei und Ambulanz. Dann geht man nach hinten zu dem Unfallwagen. Erst jetzt erkennen die Helfer das deutsche Kennzeichen des Wracks. Fahrer und Beifahrerin können fast unverletzt geborgen werden. Die Mutter der Frau, die im Fond gesessen hat, ist tot. Die Rettungsdienste sind binnen Minuten am Ort.

Obwohl die Polizeibeamten ebenso wie das Team des Notarztwagens einfühlsam und zugewandt mit den überlebenden Unfallopfern umgehen, ist diesen die Anwesenheit der zufällig dazugekommenen deutschen Journalisten der einzige Trost. Nur mit ihrer Hilfe können sich die Opfer verständigen. Der Fahrer des Unfallwagens wirkt sehr ruhig. Er tut nichts anderes, als immer wieder in sachlichen Worten zu schildern, dass er nicht weiß, was geschehen ist. Er glaubt, einen Knall gehört zu haben, bevor alles passierte, aber die Reifen des Fahrzeugs sind alle intakt.

Seine Frau ist hektisch damit beschäftigt, die verstreuten Gepäckstücke einzusammeln. Sie sorgt sich, ob eine Flasche Wein, die man als Souvenir gekauft hatte, den mehrfachen Überschlag überstanden hat. Sie erzählt in rasend schnellem Redefluss vom Urlaub an der Costa Blanca, vom Hotel in Frankreich, wo man nun vergebens auf sie warten wird, vom morgigen Geburtstag eines Verwandten in Berlin, wo man eingeladen ist. Dann erst klammert sie sich weinend an eine Journalistin, blickt endlich auf den zugedeckten Körper der Verstorbenen und bittet immer wieder, die Polizei und der Arzt mögen nachsehen, ob die Mutter nicht doch noch lebt. Sie kann nicht tot sein, sagt die Frau, denn sie war eben ja noch lebendig.

Die Polizei führt das Ehepaar behutsam zum Dienstwagen und fährt sie zum Revier, später in ein Hotel. Das deutsche Konsulat wird sich einschalten und weiterhelfen. Die Unfallopfer haben einen Auslandsschutzbrief. Man wird sich seitens des Automobilclubs um den Rücktransport der Lebenden und der Verstorbenen kümmern.

Nicht immer verhalten sich die Behörden vor Ort so vorbildlich wie in diesem Fall. Fremde Beamte oder auch behandelnde Ärzte, die ihr Vorgehen nicht erklären können oder wollen, lösen Gefühle tiefster Verlorenheit aus. Wer schwer erkrankt oder verletzt endlich zu Hause ist, erlebt zunächst eine unendliche Erleichterung.
Doch der Tod in der Fremde ist für mitreisende Angehörige stets ein Trauma. Das Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins ist unermesslich. Man ist sprachlos, orientierungslos, unsagbar allein. Was eben noch der vertraute, vielleicht viele Male bereiste Urlaubsort war, in dem man sich schon beinahe wie zu Hause wähnte, gleicht nun dem Ende der Welt. Die langfristigen Folgen des traumatischen Erlebnisses reichen von sozialem Rückzug über zwanghafte, ständige Erinnerung bis zu Apathie oder dauerhafter vegetativer Erregung. Reisemediziner empfehlen unbedingt eine therapeutische Betreuung der überlebenden Unfallopfer, sobald sie zurück in der Heimat sind.

Wenn das Hochgefühl den Leichtsinn schürt

"Was ist reisen? Ist fröhlich leben!", sagt schon ein Goethewort. Kaum ein Begriff ist so positiv besetzt, mit so vielen Sehnsüchten und Erwartungen behaftet wie der Urlaub. Im Urlaub hat der Tod keinen Platz. Im Urlaub wollen wir aufleben, wollen uns spüren, wollen nachholen, was der Alltag uns versagt. Wir wollen frei von Sorgen sein, Abenteuer erleben oder in den Tag hinein leben, ohne an Schlimmes erinnert zu werden. Ein Tod in den Ferien ist fast immer ein vollkommen unerwartetes Ableben.

Es gibt auch hier Ausnahmen. Menschen, die die perfekte Kulisse für einen Freitod suchen, chronisch Kranke, die in Erwartung ihres nahen Endes jenen Ort aufsuchen, von dem sie immer schon geträumt haben oder an dem sie die schönsten Tage ihres Lebens verbrachten. Doch diese Fälle sind sehr rar.

Fast immer kommt der Tod unterwegs jäh, unangekündigt und mit rasender Eile, die keine Chance auf Rettung mehr lässt. Manchmal reißt er viele mit sich, ist tage- oder wochenlang in den Medien präsent. Untergegangene Fähren, abgestürzte Flugzeuge, schwere Zugunglücke, Massenkarambolagen lassen niemanden kalt. Sie erinnern uns kollektiv an die Endlichkeit, lassen uns für ein Pausenzeichen die eigene Lebendigkeit kostbar erscheinen, bevor wir uns wieder in den Fallstricken des Alltags verfangen.
Die Wahrscheinlichkeit, einer solchen Katastrophe zu erliegen, ist denkbar gering. Trotzdem fürchten wir sie mehr als den eigenen Leichtsinn. Was sonst lässt uns mit überhöhter Geschwindigkeit in Nebelbänke rasen, die Warnschilder für Wohnwagengespanne im windgebeutelten Süden Frankreichs missachten, in riskanten Situationen überholen?

Fern dem Alltag glauben wir uns mit magischen Kräften behaftet. Wir haben Sehnsucht nach Intensität. Der schnelle Wechsel in anderes Klima, andere Landschaften lässt uns wie Helden eines Films sein. Wir wollen die Elemente spüren: die Hitze, die Kühle des Meeres, die Luft der Gipfel. Heute hier, morgen dort. Wir wollen die Grenzen ausloten.

Warum sonst radeln biedere Beamte durch die Sahara, durchqueren Durchschnittsbürger das Packeis, wollen Angestellte auf Achttausender? Je mehr wir uns spüren, desto näher scheinen wir der Unsterblichkeit. Extremsportarten als Ferienbeschäftigung werden immer beliebter. Erlebnis- und Abenteuerreisen haben einen Boom.

Image Doch der Tod kommt häufig an ganz unspektakulär erscheinenden Ferienzielen. Im vergangenen Jahr sind allein auf der winzigen spanischen Insel Formentera acht Urlauber ertrunken. Obwohl der Strand von Migjorn mit seinen berüchtigten Unterströmungen bekanntermaßen gefährlich ist, schwimmen hier selbst bei roter Flagge immer wieder Badende hinaus. Es fehlen Warntafeln in mehreren Sprachen, es fehlen Rettungsringe, Seile, ganz zu schweigen von einem bereitstehenden Boot oder gar Rettungsschwimmern. Beim Versuch, einem in Not geratenen Paar zu Hilfe zu kommen, ertrinkt eine Hamburgerin selbst. Sie kennt die Insel gut, sie weiß um die Tücke des Traumstrands. Aber sie ist auch eine sichere und ausdauernde Schwimmerin und folgt dem Impuls, den anderen zu helfen. Einer der beiden Badenden, denen sie zu Hilfe geeilt ist, überlebt. Er lebt mit der Schuld am Tod einer fremden Frau, die nicht zögerte, ihr Leben zu riskieren, obwohl sie es hätte besser wissen müssen.

Die schlimmsten Fälle, die in der Münchner Notrufzentrale des ADAC gemeldet werden, sind solche, die mit der Schuld am Tod der eigenen Angehörigen einhergehen. Schuld ist schlimmer als Tragik. Familienväter, die mit riskanter Fahrweise Frau und Kinder ums Leben bringen, sind so ein Fall. Oder Mütter, die die Kleinen für einen Moment am Pool des Ferienhauses allein oder am Strand aus den Augen lassen und nur Minuten später in sprachlosem Entsetzen den leblosen Körper an sich pressen. Oder Eltern, die ihre Kinder aus grobem Leichtsinn oder Egoismus verlieren oder verstümmeln.

Nachts um vier wird ein Schweizer Arzt in das kleine Krankenhaus des Orts gerufen. Er muss einen vier Monate alten Säugling in Narkose legen, dem beide Beine bis zum Rumpf amputiert werden. Die Eltern sind den ganzen Tag mit dem Kind in einem Tragegestell auf dem Rücken auf über 3000 Metern Ski gefahren. Dem Kind sind die Beine erfroren. Der Narkosearzt, selbst Vater zweier kleiner Kinder, bricht nach der Operation zusammen. Die Nacht ist das Schlimmste, was er je erlebt hat.

Auf der Kanareninsel La Palma wandert ein Vater mit dem Baby im Tragegestell auf dem Rücken auf einem sehr schmalen Grat im Gebirge. Das Kind ist noch klein, es ist so leicht, dass er die Last kaum spürt. Er beugt sich kurz hinunter, um den Wanderschuh neu zu binden. Das Kind stürzt die Felswand hinab. Es gibt Segler, die ihre Kinder wie Kettenhunde an der Reling festbinden, mit ihnen die sieben Weltmeere abjagen und in jedem Hafen stolz mit ihren Abenteuern protzen.

Manchmal kommt der Tod unterwegs nicht anders als zu Hause auch. Ein alter Mensch erleidet einen Herzinfarkt, selbst schnelle und professionelle Hilfe vermag ihn nicht zu retten. Fast ein Routinefall für Ärzte, Behörden und Reiseveranstalter. Nur für die Angehörigen nicht, die sich in dieser Situation vollkommen allein gelassen fühlen, obwohl alles seinen Gang geht.

Meistens versagen Herz und Kreislauf

Seit 1936 regelt ein weltweit gültiges Gesetz das nun folgende Procedere. Ein Arzt stellt einen Totenschein aus, im Zweifelsfall folgt am Ort eine Obduktion. Der Verstorbene erhält einen international gültigen "Leichenpass" als Rückreisedokument. Er wird in einem verlöteten Zinksarg transportiert, in der Regel mit dem Flugzeug, der Frachtpreis wird nach Kilogramm berechnet. Die meisten Todesfälle auf Auslandsreisen sind durch Herzkreislaufversagen verursacht; diese Todesart macht rund die Hälfte aller erhobenen Fälle aus. Ihre Zahl wird vermutlich steigen, da der Bevölkerungsanteil der Senioren und deren Reiselust ständig zunehmen.

Die Hoteliers in typischen Urlauberzentren sind längst auf diese Probleme eingestellt. Sie wissen, was zu tun ist. Die örtlichen Bestattungsunternehmer in klassischen Ferienzielen wie Spanien und Südtirol wissen es auch. Sie sichern sich den Zuschlag auf die Leiche und stellen häufig überteuerte Rückführungen in Rechnung. Kreuzfahrtschiffe mit ihrer zum Teil hochbetagten Klientel sind gleichfalls vorbereitet. Viele haben spezielle Kühlkammern für Leichen eingebaut. Unfälle, vor allem im Straßenverkehr und durch Ertrinken, sind die zweithäufigste Todesursache, gefolgt von Todesfällen durch Selbst- oder Fremdtötung.

Der Anteil an Sterbefällen durch Infektionskrankheiten, wie etwa der Fall eines an Gelbfieber gestorbenen Berliner Kameramanns oder der dem Lassa-Fieber erlegenen Würzburger Studentin, ist mit gut zwei Prozent relativ gering. Reisemediziner befürchten jedoch einen Anstieg solcher Fälle durch Last-Minute-Buchungen zu exotischen Fernzielen oder aufgrund von mangelnder Gesundheitsvorsorge.

Alle Probleme beginnen damit, dass wir nicht zu Hause bleiben, soll Descartes einmal gesagt haben. Ob das Reisen generell mehr Todesgefahren mit sich bringt als das Alltagsleben, wurde in Australien in einer Langzeitstudie untersucht. Es konnten keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden. Dagegen ist ein Trip nach New York nicht ungefährlich, wie eine amerikanische Untersuchung zeigt. Das Risiko, dort einem Herzinfarkt zu erliegen, ist auf Grund des Stressfaktors dieser Stadt sowohl für Bewohner wie auch für Besucher erhöht.

Manchmal kommt der Tod auf Reisen ohne jeden Zeugen, lässt den Hinterbliebenen nicht einmal einen Leichnam zum Betrauern. Ein Frankfurter Lehrer bricht zu einer Bergtour in Tirol auf. Das Wetter ist gut, er kennt die Route, ist sie bereits mehrmals gegangen. Er kommt nie in der Hütte auf der anderen Flanke des Gebirges an. Nichts wird von ihm gefunden, nicht einmal ein Stück seiner Ausrüstung. Zehn Jahre lang gilt der erfahrene Bergsteiger offiziell als verschollen, bevor er durch Gerichtsentscheid für tot erklärt wird. Er liegt irgendwo im ewigen Schnee der Hochalpen.

So, wie es der "Mann aus dem Eis" über fünftausend Jahre lang tat, bevor ihn das Abschmelzen der Gletscher vor neun Jahren einer Tourengängerin vor die Füße legte. Die gut erhaltene Gletschermumie ist heute im Archäologiemuseum in Bozen in einem gekühlten gläsernen Schrein ausgestellt. Der nackte Eismann ist das älteste Zeugnis eines Todesfalls unterwegs, das wir kennen. Bei seinem Anblick werden selbst lärmende Schulkinder still. Nach einer langen Reise durch die Zeit ist er zu den Menschen zurückgekehrt.

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