Mallorca: "Das Risiko schwimmt mit" (2006)

ImageNeun Millionen Menschen kamen 2005 nach Mallorca. Für die meisten von Ihnen gibt es neben Sonne, Erholung, Spaß, "Sex, Drugs und Ballermann" einen wichtigen Grund, warum sie ausgerechnet hier Urlaub machen: Baden an einem der 175 Strände. Blausand.de war mit einem Fernsehteam des WDR auf der Lieblingsinsel der Deutschen.

Playa de Palma
15 Ballermänner
Wer es nicht erlebt hat, wird es nicht für möglich halten.Balneario 1, durchlaufend numeriert bis Balneario 15, der Stadtplan für den Strand von Palma zeigt uns, wo sie sind. Nur für Balneario 6 steht im Stadtplan unseres Hotels vorsichtshalber auch die deutsche Bezeichnung: Ballermann 6.

Aber es hat sich etwas ausgeballert am Anfang des heissen Sommers 2006. Die saufenden Jugendlichen sind einsamer geworden.

Image Auf die angeblich vor Jahren verbotenen Saufeimer mit ihren langen bunten Versorgunghalmen mögen sie allerdings nicht verzichten: "So jetzt müssen wir weiter abfeiern", lallt uns ein vielleicht 17jähriger Deutscher entgegen. Die glasigen Blicke sprechen ihre traurig-besoffene Sprache.


Alkohol ist nach wie vor ein Riesenthema für ein für die meisten geiles Urlaubsspektakel, und für das Baden und Schwimmen mit besoffener Rübe gibt es weder Promillegrenzen noch Geldstrafen. Nur Lebensgefahr, aber das betrifft ja die anderen.

Schon am Anfang unseres Sicherheits-Checks machen wir eine Beobachtung, die wir in den kommenden Tagen immer wieder machen werden. Für die zigtausend Urlauber - besonders in den Ballungsräumen der 175 Mallorcastrände im Urlaubssommer 2006 -  gibt es zu wenig optisch sofort erkennbare Anlaufstellen im Notfall.

Image Sonnenschirme, bunte Liegen, alle erdenklichen Farben wie auf einem amerikanischen Kindergeburtstag machen besonders die Playa de Palma zu einem farbigen Einheitsbrei. Ein Bett im Kornfeld. Die Fussball-WM ist längst vorbei und immer noch in vollem Gange. Jeder der 15 Balnearios sieht gleich aus. Jeder ist überfüllt.

Massen - Beachlife, an dem kaum jemand in der Lage wäre, dem mallorquinischen Rettungsdienst seinen genauen Standort mitzuteilen. Besonders dann, wenn er zur Gattung der sonnenverbrannten Kampftrinker gehört. Eine schnelle Aktivierung der Rettungskette, wenn Menschen zu ertrinken drohen, ist hier zweifelhaft.

Es Trenc:
El ultimo Paraiso
ImageWir erreichen den schönsten Strand Mallorcas. Es Trenc.

Es Trenc ist ein so genannter Naturstrand. El ultimo paraiso. Ein bisschen Karibik, ein bisschen Bacardi, aber auch ein bisschen riskant. Wenn es ums Baden und Schwimmen geht..

Weil die Verantwortlichen der Balearenregierung offensichtlich meinen, daß ein "Naturstrand" (was heisst das eigentlich?) keine optimalen Sicherheitsbedingungen haben muß. Denn: Das Krankenhaus, der Rettungswagen, die professionelle ärztliche Versorgung sind weit entfernt.

Der Weg zum Es Tenc führt von Campos oder Santanyi durch ein Naturschutzgebiet, an den Salinen bis zum Strand. Der oft und vor allem im Sommer überfüllte riesige Parkplatz (6 Euro Parkgebühr) hindert den Rettungsdienst zusätzlich, schnell vor Ort zu sein.

Irgendwann vor 2 Jahren - so erinnern wir uns - stand hier mal ein Rettungsfahrzeug direkt am Strand. Nach all den Badeunfällen wäre es lebenswichtig, wenn es im Sommer 2006 auch noch da wäre.

Allerdings gibt es Rettungsschwimmer. Obwohl in der Urlaubszeitung von Neckermann und Thomas Cook am Flughafen zu lesen war: "Es Trenc ist nicht bewacht". Auch deshalb weist das Sicherheits-Netzwerk Lücken auf.

Als wir gerade mit unseren beiden Kameras eintreffen, kommt die Guardia Civil vorgefahren und fragt uns nach einer Drehgenehmigung.

ImageNein, die haben wir nicht. Janusch, unser Kameramann, erklärt auf Spanisch, warum wir, "Television Alemagne" hier sind. Was wir filmen wollen. Wenn das mal gut geht, denke ich. Reportagen über unsichere Strände sind ja erfahrungsgemäß nicht gerade das Lieblingsthema der Balearenregierung. Überraschenderweise haben die Polizisten jetzt überhaupt nichts mehr dagegen, daß wir hier drehen.

Später erfahren wir den Grund: Geld. Auf Mallorca wird zur Zeit reichlich Mode gefilmt und fotografiert. Und von diesem Werbekuchen schneiden sich die Kommunen ein möglichst gutes Stück ab.

Rettungsschwimmer allerdings sind da. Auch wenn von den drei Beobachtungstürmen während unseres Checks nur zwei besetzt sind. Eine Übersichtskarte informiert über den Standort der Wachtürme und über eine "gefährliche Stelle" im Wasser. Um welche Gefahr es sich handelt, erfahren die Urlauber nicht. Die kürzlich von der Balearenregierung erklärte Absicht, Schilder mit Warnungen vor Strömungsgefahren an die Strände zu stellen, ist  - hier und auch anderswo - wohl noch nicht wirksam geworden.

ImageMenschen am Strand von Es Trenc haben in den letzten Jahren viele Badeunfälle erleben müssen. Strömungen, Halbertrunkene, Badetote. Wieviel Menschen mußten sterben, weil hier schnelle Hilfe erforderlich war, diese aber zu spät kam? Wie lange braucht ein Arzt, um vor Ort zu sein?

"20 Minuten", sagt einer der Rettungsschwimmer. 20 Minuten? Unmöglich. Als der Rettungsschwimmer unsere ungläubigen Blicke sieht, ergänzt er, "es kann auch mal 40 Minuten dauern". Und dann, schildert er weiter, müssen die professionellen Helfer erst mal in ein geländegängiges Fahrzeug umsteigen. Sonst kommen sie nicht weiter.

Sogar ein Defibrillator zur Wiederbelebung soll am Strand verfügbar sein. "Seit 2 Jahren", sagt ein Rettungsschwimer, "ist der da hinten gelagert, aber wir haben ihn noch nicht einsetzen müssen".

Es gibt tatsächlich abgeteilte Schwimmzonen, die aber eigentlich keinen Menschen interessieren. Auch die Socorristas lassen die Leute in den anderen Bereichen schwimmen. Zu Lasten der Übersichtlichkeit. An der Stelle, an der der unbesetzte Rettungsturm steht, befindet sich eine weisse Rotkreuz-Station, verschlossen, aber mit einem kaum lesbaren handgeschriebenen Zettel in englischer und spanischer Sprache an der Tür: If there is nobody here, find the nearest lifeguard (Wenn hier keiner ist, suchen Sie nach einem Rettungsschwimmer in der Nähe).

Peguera:
Übersichtliche Strände, das Verhältnis stimmt
ImageEs dauert ziemlich lange, bis wir vorbei am Zentrum von Palma de Mallorca auf der Autobahn Richtung Andratx zu den Buchten von Peguera  kommen. Und das bei fast 40 Grad Hitze.Uund bei grösster Not, im südwestlichen Teil Mallorcas in der vollgepflasterten Urbanisation überhaupt einen Parkplatz zu finden.

Dann bietet sich uns ein zufriedenstellendes Bild. Zum ersten Mal seit unseren Beobachtungstouren sehen wir Rettungsbretter unter den Beobachtungstürmen, die in jeder der zwei Buchten (Playa Romana, Playa Palmida)  stehen.

Hier stimmt das Verhältnis zwischen der Besucherzahl und der Zahl der aufmerksamen Socorristas. Die Anfahrtswege werden, wenn sich ein Arzt im Notfall von Andratx auf den Weg macht, aber auch nicht gerade kurz sein. Medizinische Versorgung vor Ort ist auch hier nicht vorhanden.

In aller Ruhe geniessen wir das schöne Ambiente mit einem Café con leche und lassen die Rettungsschwimmer auf den Hochsitzen vor uns nicht aus den Augen, die ihrerseits die Schwimmer nicht unbeobachtet lassen. 
Can Picafort:
Zu wenig Retter für die Menschenmassen
ImageEs vergeht kaum eine Woche ohne diese oder eine ähnliche Meldung in der Mallorca-Zeitung oder im Mallorca-Magazin über den Ertrinkungstod eines Rentners: Der 72-jährige Mann wurde von anderen Badegästen entdeckt, als er regungslos im Wasser trieb. Sofort herbeigerufene Rettungssanitäter versuchten, den Mann wiederzubeleben. Alle Anstrengungen blieben allerdings erfolglos. Die Autopsie soll klären, ob der Mann im Wasser einen Herzinfarkt erlitten hat.Dieser Unfall passierte vor wenigen Wochen am Can Picafort. Der Strandabschnitt in der Mitte der riesigen Bucht von Alcudia im Nordosten Mallorcas soll gut gesichert sein, so haben wir vorher gehört. Von den angeblich vorhandenen Beobachtungstürmen in geringem Abstand sehen wir jedoch nichts.

Wie, fragen wir uns, sollen Rettungsschwimmer - wenn wir im Wasser Probleme hätten -  uns sehen,  wenn wir die Rettungsschwimmer nicht mal sehen?

Und tatsächlich: Von den "vielen Türmen" und den "zahlreich vorhandenen Rettungsschwimmern" bleiben bei genauem Hinsehen nur wenige übrig. Warum das überlebenswichtig ist, erfahren wir von einer Deutschen am Strand, die hier lange lebt:  "Allein in der Alcudia-Bucht hat es im letzten Jahr mindestens zehn bis zwölf Tote gegeben. Zu wenig Retter für die Menschenmassen.".

ImageEine "Banane" aus Gummi mit Kids rast gefährlich durch die Schwimmer hindurch. Das scheint hier keinen Menschen wirklich zu interessieren.

Letztes Jahr, berichtet ein Anwohner, ertranken hier zwei spanische Schüler wegen der gefährlichen Strömungen, die auch hier der Hauptgrund für das Ertrinken sind. Werden die Leute von den Rettern nicht rausgepfiffen? fragen wir. "Das bringt doch nichts. Erst wenn sie zahlen müssten. Vorher machen sie, was sie wollen."

Gegen 2 Uhr mittags kommt - wie oft an der Ostküste - der auflandige Wind. Das Wasser bewegt sich innerhalb weniger Minuten intensiver. Bildet selbst über Wasser kleine Verwirbelungen. Ein untrügliches Zeichen für gefährliche Strömungen.

Das lässt die Retter völlig kalt. Die grünen Flaggen bleiben. Warum?, so fragen wir einen der Socorristas. "Gefährlich ist es hier nur bei ablandigen Winden".

Der Rettungsschwimmer kann noch nicht lange hier sein. Sonst müsste er wissen, dass Winde in Richtung Strand die unangenehme Eigenschaft haben, beim Zurückfließen des Wassers größere Mengen zu bewegen. Und damit die Rip-Strömungen auslösen und begünstigen. 

Sa Coma:
Die gefährliche Stunde
Der "schwarze Sonntag von Sa Coma", der Supergau, als hier innerhalb weniger Stunden fünf Deutsche in Strömungen ertranken, ist fast zehn Jahre her. Aber auch danach hat es hier in der vergleichsweise kleinen Badebucht immer wieder tödliche Badeunfälle gegeben. 

ImageKürzlich musste die Polizei Menschen mit aller Macht vor dem Wassertod bewahren. Als, so erzählt uns Juan, der Kellner eines Restaurants, im Juni dieses Jahres für fast zwei  Wochen extrem gefährliches Badewetter herrschte, wurden weitere rote Flaggen gehisst und der Strand durch die Polizei regelrecht abgesperrt. Trotzdem: Viele Urlauber interessiert das überhaupt nicht: sie gingen trotzdem rein. Ein Urlaub mit Badeverbot scheint für viele eine schier unerträgliche Vorstellung zu sein. Dann werden Warnungen und Verbote einfach außer Kraft gesetzt.

Juan kann sich auch noch gut an den entsetzlichen Unfall vor Jahren erinnern und schaut auf den Strand: "Genau hier war es. Ich habe die Leute mit rausgezogen."

ImageWir gehen zu einem der Hochsitze in der Nähe des Strandzugangs und finden einen besetzten Wachturm. Der ist allerdings so weit vom Strand entfernt, daß die Beobachter das Wasser direkt vor ihnen, aber weder links noch rechts neben ihnen wirksam beobachten können. Sa Coma müsste auch mehr Rettungsschwimmer haben und vor allem flexibler auf Gefahren reagieren.

Als sich nachmittags um 3 Uhr urplötzlich der Wind verstärkt und am Horizont ein Gewitter aufzieht, die Wellenintensität stärker wird und an einigen Stellen Unterströmungen auch über Wasser sichtbar sind, erhalten die vielleicht 4000 Urlauber am Strand keine Informationen über die Gefahren. Die grünen Flaggen bleiben, die Urlauber baden weiter, als wenn nichts wäre. Nach gut einer Stunde ist die Welt wieder in Ordnung und es ist mal wieder gut gegangen.

Wir glauben, daß  für die "gefährliche Stunde" der Aufwand zu groß ist, die Flaggen zu wechseln. Und ob es eine gute Idee ist, die Koordination für die Retter einer Organisation zu überlassen, der gleichzeitig die Restaurantes gehören...?

ImageDennn nicht nur hier geht der Trend zum Einsatz privater Rettungsdienste sichtbar weiter.

REDO S.A.
heisst der Konzessionär, die private Organisation für Strandbewachung, die von der Gemeinde beauftragt und vom Besitzer mehrer Restaurantes am Es Trenc organisiert wird.

Das spanische "Cruz Roja" verliert auf Mallorca und anderswo zunehmend an Bewachungsaufträgen. Der Hintergrund sind die hohen Kosten.

ImageBevorzugte Zielgruppe für den Einsatz als Rettungsschwimmer neben Spaniern sind Argentinier.

Ein Mallorquiner macht uns deutlich, warum das so ist: Zu Hause verdienen die Argentinier 400 Euro. Wenn sie hier arbeiten, bekommen sie das Dreifache. Die Frauen arbeiten im Service. Und ein Drittel vom Verdienst wird nach Hause geschickt.

© Rolf Lüke, Blausand.de 2006 (Text und Fotos)
Blausand-Bewertung der getesteten Strände auf Mallorca:

Plaja de Palma: problematischEs Trenc: gefährlichPeguera: zufriedenstellendCan Picafort: gefährlichSa Coma: problematisch

Mallorca-Links von Blausand.de:
Dokumemtation im WDR-Fernsehen am 25.11.2006 ab 21 Uhr ("markt")

Podcast zum Herunterladen des WDR-Beitrags

Mallorca-Reiseführer vom Michael Müller Verlag

Webportal zu Badeunfällen in Spanien (Dokumentation in spanischer Sprache)

Mallorca - Das Inselradio  95,8



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