Klaus Wilkens, DLRG-Präsident, über die Zukunft der Wasserrettung in Europa
ImageDr. Klaus Wilkens, 63, ist seit 1998 Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), der grössten Wasserrettungsorganisation der Welt mit über 900.000 Mitgliedern. Wilkens ist auch Vizepräsident der International Life Saving Federation (ILS), dem Dachverband aller Wasserrettungsorganisationen weltweit. Bis zum Frühjahr 2006 war er Dozent der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt bei Lüneburg.

Blausand.de: Bis Ende August 2006 sind nach der DLRG-Statistik ein Drittel mehr Menschen in Deutschland ertrunken als in den ersten acht Monaten des letzten Jahres. Warum?Wilkens: Im Vergleich mit dem Vorjahr sind in Deutschland bis Ende August 112 Menschen mehr ertrunken. Ursächlich für den deutlichen Anstieg waren die heißen Sommermonate Juni und Juli, die zu einer hohen Frequentierung unbewachter beziehungsweise „wilder“ Badestellen geführt haben. In diesem Zusammenhang spielt auch die Schließung von öffentlichen Bädern und damit ein Ausweichen auf unbewachte Gewässer eine Rolle. Weitere Ursachen sind Nichtbeachtung von Baderegeln, Versäumnisse in der Aufsichtspflicht, Selbstüberschätzung, Leichtsinn und Alkohol.

Blausand.de: Wie kann man die Zahl der Badetoten reduzieren, wenn die Sommer nach Meinungen von Experten immer heißer werden?Wilkens: Ein erster wichtiger Schritt zu mehr Sicherheit im und am Wasser ist die Einbindung der Wasserrettung in die Rettungsdienstgesetze aller Bundesländer und die Aufnahme vorhandener DLRG-Einsatzgruppen in die Alarm- und Ausrückordnung (AAO) der Leitstellen. Daneben gilt es, die ImageVerkehrssicherungspflicht für Badestellen klar zu definieren. Zudem müssen Kindergärten, Schulen, aber auch die Wassersport treibenden Verbände künftig noch intensiver über Wassergefahren aufklären und vorbeugend tätig werden. Hierbei geht die DLRG mit gutem Beispiel voran und ist unterstützend tätig.

Vor allem fordert, die DLRG, allen Mitbürgern die Möglichkeit zu geben, sichere Schwimmer zu werden. Dies beginnt bereits mit der Wassergewöhnung im Kindergarten – die DLRG betreibt seit einigen Jahren ein sehr erfolgreiches NIVEA-Kindergartenprojekt: Seitdem mehr als 1.000 Veranstaltungen pro Jahr durchgeführt wurden, sank die Zahl der ertrunkenen Kinder im Alter bis fünf Jahren auf die Hälfte. Es geht weiter über eine flächendeckende Schwimmausbildung in der Schule, Ferienkurse im In- und Ausland bis hin zu Angeboten für ältere Mitbürger.

Zur vorbeugenden Gefahrenabwehr muss aber eine weitergehende Absicherung von Gewässern durch Rettungsschwimmer eine wesentliche strategische Zielsetzung bleiben.

Blausand.de: Es gibt bei jungen Leuten immer weniger Bereitschaft, sich in Zeiten steigender Anforderungen im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld und anderen faszinierenden Freizeitbeschäftigungen unentgeltlich und ehrenamtlich an den Badesee zu stellen.ImageWilkens: Gegenwärtig kann sich die DLRG trotz einer entgegen gerichteten demographischen Entwicklung nicht über abnehmende Helferzahlen beklagen. Es ist einmalig in der Welt, dass so viele Rettungsschwimmerinnen und –schwimmer, etwa 55.000 im Jahr, in den Einsatz geschickt werden können. Wir haben ein immer besser qualifiziertes Potenzial an Rettern und verfügen auch bei steigenden Anforderungen, wie in den Monaten Juni und Juli über personelle Reserven. Mittel- bis langfristig werden weitergehende Maßnahmen erforderlich. Die gilt es auch in Kooperation mit den politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen anzugehen. Hier geht es vor allem um den Abbau bürokratischer Hürden eine stärkere Akzeptanz von ehrenamtlichem Engagement bei Arbeitgebern, aber auch um die Entwicklung eines Bonussystems für engagierte Bürger durch die Politik. Ehrenamtliche Arbeit ist ein starker Pfeiler unserer Gesellschaft. Sie hat einen hohen sozialen Stellenwert in der Bevölkerung. Sie braucht aber mehr Freiräume, Förderung und Unterstützung durch Politik und Wirtschaft.

Allerdings ist und wird die Verfügbarkeit ehrenamtlichen Personals begrenzt bleiben. Aus wirtschaftlichen Gründen, insbesondere wegen begrenzter Finanzierbarkeit, werden neben- und hauptberufliche Tätigkeiten auf diesem Gebiet dabei nur im Ausnahmefall das ehrenamtliche Engagement ergänzen können. Vordringlich sind deshalb die hoch frequentierten Badestellen abzusichern.

Blausand.de: Wie kann man junge Leute angesichts schwieriger beruflicher Perspektiven und attraktiver Alternativen in der Freizeit in Zukunft für die Rettungsschwimmerausbildung und den Wasserrettungsdienst motivieren?
ImageWilkens: Wie bereits erwähnt unter anderem durch mehr soziale Anerkennung und attraktive Aus- und Fortbildungsangebote. Gute Möglichkeiten verspreche ich mir auch durch verstärkte Kooperationen mit Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Verbänden und anderen Bildungsträgern, durch Werbung für das Gemeinschaftsgefühl und sinnvolle und attraktive Freizeitangebote. Beispiele hierfür sind unter anderem Schulprojekttage und –wochen, unsere Zeltlager und unsere fachspezifischen Fördermaßnahmen wie Baywatchcamps, Jugendeinsatzteams (JET), aber auch sportliche Begegnungen und vieles andere mehr. Hinzu kommt aber auch ein ausreichendes Reservoir moderner Rettungsmittel und Ausstattungen. Diese kosten zwar einiges an Geld. Wir wissen aber, dass der Umgang mit modernem technischem Gerät für viele junge Menschen erfolgreiche Anreize bietet.

Blausand.de: Warum gibt es bis heute keine einheitlichen Standards bei der Badesicherheit und unterschiedliche Badestellenverordnungen in Deutschland? Wann ist eine Vereinheitlichung zu erwarten?Wilkens: Es gibt nur eine Badestellenverordnung in Schleswig-Holstein. Ungeachtet dieser Tatsache: In dieser Frage behindert der Föderalismus. Die Verordnungen unterliegen der Gesetzgebung der Länder. Diese wiederum sind im Rahmen von Deregulierungsmaßnahmen bemüht, die Verantwortung auf die Kommunen abzuwälzen. Wir brauchen einen bundeseinheitlichen Standard zur Badesicherheit auf der Basis einer einheitlichen Definition dieser spezifischen Form der Verkehrssicherungspflicht sowie eine qualifizierte Risikoanalyse und Risikobewertung nach verbindlichen Regeln.

Blausand.de: Wie ist Ihre Auffassung zu Strafen bei Nichtbeachtung von Badeverboten an europäischen Badestränden – wie etwa in Frankreich oder Portugal?ImageWilkens: Eine Selbstgefährdung kann schwerlich bestraft werden und mit Verboten und erhobenem Zeigefinger, das zeigt die Erfahrung, erreicht man nichts. Vielmehr gilt es, das Gefährdungspotenzial bewusst zu machen und bei den Menschen Verantwortungsbewusstsein für sich und andere zu schärfen. Das Schlüsselwort heißt Information und Kennzeichnung in möglichst einheitlicher Form.

Blausand.de: Die Badenden, die sich nicht an die Regeln halten, gefährden ja nicht nur sich selbst, sondern auch andere.Wilkens: Zweifelsfrei gefährden diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, sich und andere. Das sind nicht nur die Rettungsschwimmerinnen und –schwimmer, sondern auch die Menschen, die diesen Unvernünftigen gegebenenfalls helfen wollen. Wir können hier nur an das Verantwortungsbewusstsein appellieren.

Blausand.de: Ein wesentlicher Grund für das Ertrinken von Menschen in der Freizeit und im Urlaub sind Unwissenheit und - daraus resultierend - fehlendes Gefahrenbewusstsein. Was können die Wasserrettungsorganisationen in Europa unternehmen, um diesen Zustand zu verändern, und wer ist hierbei ebenfalls gefordert?Wilkens: Beispielsweise können Touristikverbände und –unternehmen in Kooperation mit der International Life Saving Federation of Europe (ILSE) und den jeweiligen nationalen ImageWasserrettungsorganisationen gute Aufklärungsarbeit – ortsbezogen auch als Ergebnis einer Risikoanalyse und -bewertung - leisten sowie die einheitlichen Kennzeichnungen im Strand- und Badebereich umsetzen.

Die DLRG betreibt seit einigen Jahren zusammen mit zwei großen Reiseveranstaltern Schwimmlernprojekte für Kinder im Urlaub. Dabei entsteht bei den Anbietern automatisch eine höhere Sensibilität auch für alle anderen Aspekte der Wassersicherheit. Vergleichbare Initiativen können in das Angebot aller Reiseveranstalter aufgenommen werden. Die Urlauber genießen dann in entspannter Atmosphäre, ohne den heimischen Alltagsstress, sehr viel (risiko-) bewusster und sicherer ihr Freizeitvergnügen am Wasser.

Blausand.de: Ohne individuelle Risikobewertungen ist es kaum möglich, die Gefährdung an einem Strandabschnitt zu beurteilen. Wann wird es ein aussagekräftiges „Risk Assessment“ in Europa geben?
ImageWilkens: Eine fachlich qualifizierte Risikobewertung ist eine anspruchsvolle Aufgabe und kann nicht der Selbstevaluation überlassen bleiben. Neben einer ausreichenden Zahl ausgebildeter Risk Assessoren (die ILSE hat schon in 14 Ländern Europas Risk Assessoren ausgebildet) ist die Akzeptanz dieses Instruments bei den Betreibern von Badestellen und natürlich auch den Reiseveranstaltern eine wichtige Voraussetzung.

Das Gütesiegel „Lifeguarded Beach“ (bewachter Strand) soll künftig zum Markenzeichen für Wassersicherheit an allen Badestränden Europas werden und die „Blaue Flagge“ ergänzen. Hier hoffe ich auf den sanften Druck der Urlauber auf Reiseveranstalter und auf die Hotel- und Strandbetreiber. In Deutschland sowie unter anderem in Großbritannien, Irland, Niederlande, Polen, Litauen, Lettland, Rumänien, Bulgarien haben wir bereits mit der Umsetzung begonnen, für Europa rechne ich mit einer Etablierung innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre. Es ist ein Riesenprojekt, aber auch eine ganz wichtige Aufgabenstellung.

Blausand.de: Warum fehlen bisher an den meisten Stränden am Mittelmeer und am Atlantik explizite Hinweise auf die größten Gefahren, die Strömungen?
Wilkens: Es ist sicherlich so, dass das Gefahrenbewusstsein, aber auch die Regelungsdichte in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres nicht so ausgeprägt ist wie in Deutschland. Allerdings muss hier stark differenziert werden. Ich kann Ihnen aber mitteilen, dass sowohl weltweit in der ISO International Standardisation Organisation, Hinweis der Redaktion) als auch parallel dazu national im DIN-Ausschuss derzeit Piktogrammtafeln erarbeitet werden, die zukünftig auf sehr viele Wassergefahren hinweisen. Die ImageDLRG arbeitet in beiden Ausschüssen mit. Wie bereits erwähnt, ist das Schlüsselwort Information. Es ist nicht zu viel verlangt, Urlauber über mögliche Gefahrenquellen vor Ort aufzuklären. Gleichwohl liegt es zunächst an jedem Einzelnen, sich aktiv über Gefahren zu informieren. Jeder Mensch muss auch einen eigenen Beitrag zu seiner Sicherheit leisten. Das entbindet die Strand- und Badbetreiber nicht von der Verpflichtung, die jeweils spezifischen Wassergefahren bewusst zu machen. Auch hierzu sind einheitliche Formen entwickelt, deren Umsetzung allerdings in den verschiedenen Ländern neben Überzeugungsarbeit auch Änderungen von Gesetzen und Verordnungen, aber darüber hinaus auch entsprechende Finanzen erfordern. Nicht zuletzt fühlen wir uns als nationale Organisation verpflichtet, deutsche Touristen vorab allgemein über Wassergefahren aufzuklären und so für ein besseres Sicherheitsbewusstsein zu sorgen.

Blausand.de: Was leisten Bundesregierung und Europäische Union für Badesicherheit in Deutschland und Europa und was müssten sie nach Ihrer Auffassung leisten?Wilkens: In Europa sind im Jahr 2000 mehr als 37.000 Menschen laut einer Studie der World Health Organisation WHO ertrunken, in Deutschland waren es 429 Personen. Bei uns sind insbesondere die Küsten von Nord- und Ostsee sichere Badezonen, weil dort ein nahezu flächendeckender Wasserrettungsdienst für die nötige Sicherheit sorgt. Die Problemzonen in unserem Land bilden nach wie vor die unbewachten Badestellen an den Binnengewässern. Hier besteht Handlungsbedarf. Auf der Grundlage von Risikobewertungen angelegte Sicherheitskonzepte bieten Chancen, die hohen Ertrinkungszahlen mittel- bis langfristig zu senken.

ImageIn Europa ist die ILSE dabei, Ertrinkungszahlen und Ertrinkungsursachen noch präziser zu ermitteln und - darauf aufbauend - die besonderen Gefahrenzonen zu lokalisieren und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die DLRG arbeitet in diesen Gremien intensiv mit und verfügt über eine lange Erfahrung sowohl in der Erstellung von Statistiken, die wichtige Erkenntnisse über Unfallursachen liefern, im Wasserrettungsdienst sowie der Gefahrenbewertung von Badestellen und daraus abzuleitenden Sicherheitsmaßnahmen.

Weitere Möglichkeiten sind eine entsprechende maritime Policy der Europäischen Union und die europaweite Umsetzung der Blue Flag Campaign der FEE. In ein bis zwei Jahren erwarte ich zudem den Abschluss der Sicherheitskennzeichnung für Badegewässer und Strände durch die ISO und das DIN. Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, dass die Verbesserung der Sicherheit an den Stränden Europas Zeit braucht und nicht von heute auf morgen zu erreichen ist.

Blausand.de: Gibt es detaillierte und zufriedenstellende Informationen zur Sicherheitslage an Europas Badestränden, zur jeweiligen Gefährdungslage und zu Ertrinkungszahlen und Ertrinkungsgründen?
Wilkens: Bislang nicht. Hier hat die EU künftig sicherlich eine wichtige koordinierende Aufgabe. Eine Reihe von Organisationen, die sich mit Unfallverhütung allgemein, beziehungsweise mit Wassersicherheit speziell befassen, sind zur Mitarbeit bereit, bedürfen aber der finanziellen Förderung und der politischen Unterstützung.

Blausand.de: Warum gibt es im Urlaubssommer 2006 an Badestränden in Europa nach wie vor die "Grüne Flagge", die trügerische Sicherheit suggeriert?ImageWilkens: Grundsätzlich ist die Assoziation rot-gelb-grün analog zum Straßenverkehr nicht schlecht. Aber: Auch eine grüne Flagge schützt nicht vor dem Ertrinken. Selbst wenn Sie bei grün über die Ampel gehen, können Sie von einem unaufmerksamen Autofahrer überfahren werden. Die DLRG hat für Deutschland die grüne Flagge von vornherein abgelehnt, um einer allzu großen Sorglosigkeit der Badenden entgegen zu wirken, aber auch um rechtlichen Problemen der Haftung zu entgehen. Wir appellieren an das individuelle Gefahrenbewusstsein und warnen mit gelber und roter Flagge vor den über das übliche Maß hinausgehenden Gefahren.

Im Rahmen der internationalen Normierung der Signalgebung sowie durch Beschlüsse des Weltverbandes ILS haben wir erreicht, dass die grüne Flagge weltweit nicht aufgenommen wird. Ich erwarte daher, dass sie im Laufe der kommenden Jahre von den europäischen Stränden verschwindet.

Blausand.de: Ist der DLRG bekannt, wie hoch der Nichtschwimmeranteil bei den Badetoten in Deutschland ist und wie hoch der Anteil der unbewachten Unfallorte bei tödlichen Badeunfällen ist?ImageWilkens: Wir wissen in den meisten Fällen, wo sich die Todesfälle ereignet haben und können dementsprechend auch Aussagen über die Umstände treffen, unter denen sich die Unfälle ereignet haben. Wir können mit Sicherheit sagen, dass sich die weit überwiegende Zahl tödlich verlaufener Wasserunfälle an unbewachten Stellen von Binnengewässern ereignen, in der Regel pro Jahr mehr als 80%. Hinzu kommen Todesfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Schwächen, das heisst, schwerwiegenden Erkrankungen, die auch bei Bewachung nicht vermeidbar gewesen wären.

Aussagen über die Schwimmfähigkeit der Opfer treffen wir in der Statistik nicht. Gesicherte Erkenntnisse über die Schwimmfähigkeit von Ertrunkenen sind oftmals aufgrund der Umstände nicht ermittelbar.

Blausand.de: Welche Anforderungen stehen bei Ihnen gegenüber den Kommunen und auch den Reiseveranstaltern auf Ihrer "Wunschliste" ganz oben?ImageWilkens: Priorität neben vielen Einzelmaßnahmen haben erstens die sachgerechte Berücksichtigung der Wasserrettung in den Rettungsdienstgesetzen der Länder sowie ein sachgerechter Standard für die Verkehrssicherungspflicht an Badestellen, zweitens der Erhalt und Ausbau der Schwimmbadstruktur, um die Voraussetzungen für eine qualifizierte Schwimmausbildung zu sichern.

Drittens eine stärkere Akzeptanz und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement und viertens der Ausbau der Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern hinsichtlich der Projekte Schwimmausbildung, Gefahrenanalyse und –information sowie Bewertung der Badestellen (Strände und Pools).

Blausand.de: Oft sind DLRG-Stationen in Deutschland nur an den Wochenenden und in den Schulferien bewacht. Das ist vielen Besuchern an den Badestellen nicht bewusst. Warum gibt es nur selten Hinweise auf die Bewachungszeiten in den Medien und direkt an den Badestellen?ImageWilkens: Die Verfügbarkeit der ehrenamtlichen Rettungsschwimmer entspricht in der Regel dem Freizeitverhalten der übrigen Bevölkerung. In vielen Gemeinden ist die eingeschränkte Bewachung bekannt, es wird aber dennoch gebadet.

Mit der neuen Badezonenkennzeichnung, dem Setzen der rot/gelben Flagge sowie eindeutigen Hinweisen auf Informationstafeln werden neue verbesserte Informationsgrundlagen geschaffen, deren Umsetzung durch die Bad- beziehungsweise Badestellenbetreiber erfolgt.


Blausand.de: Nach Zahlen der DLRG ertrinken in Deutschland drei von vier Menschen in unbewachten Seen und Flüssen. "Baden auf eigene Gefahr" und "Eltern haften für ihre Kinder" steht auf den allzu oft wirkungslosen und haftungsrechtlich umstrittenen Warnschildern, mit denen sich die Verantwortlichen schadlos halten wollen. Wie kann man Kommunen in Deutschland - notfalls gesetzlich – dazu verpflichten, ihre Badestellen entweder wirkungsvoll zu sperren oder zwingend einen Wasserrettungsdienst zu stellen?

ImageWilkens: Die gesetzliche Grundlage existiert: Die Verkehrssicherungspflicht. Sie bedarf für Badestellen allerdings einer verbindlichen Auslegung. Insofern sind Kommunen gut beraten, diese Verpflichtung ernsthaft anzunehmen und eine ausreichende Absicherung vorzunehmen. Wie bereits erwähnt, würde durch einen bundeseinheitlichen Standard und die Akzeptanz von Angeboten der DLRG-Gliederungen zur Übernahme des Wasserrettungsdienstes an diesen Gewässern die Sicherheitslage verbessert. Wassersicherheit darf vor allem keine Frage des kommunalen Haushalts sein.

Blausand.de: Deutschland hat ein anerkannt gut funktionierendes Rettungssystem. Wäre es nicht hilfreich, wenn Kommunen und weitere Verantwortliche möglicherweise auch bezahlte Beobachter an den Badestellen einsetzen würden, deren primäre Aufgabe es wäre, bei Gefahr zu alarmieren und damit die Rettungskette zügig in Gang zu setzen?

ImageWilkens: Dies wäre völlig unzureichend, da das Heranführen von Rettungskräften nach der Alarmierung zuviel Zeit kostet und der Ertrinkende in der Regel keine rechtzeitige Hilfe erhielte. Das qualifizierte Wasserrettungspotenzial muss vor Ort präsent sein! Außerdem gibt es eine große Menge an Hilfeleistungen unterhalb der Notfallschwelle.

In diesem Zusammenhang hat die DLRG vorgeschlagen, Arbeitslose ehrenamtlich für eine derartige Tätigkeit einzubinden. Ein Vorstoß der DLRG in diese Richtung wurde leider vom zuständigen Ministerium de facto negativ beschieden und kürzlich entsprechend bestätigt.

Blausand.de: Die Unfallstatistiken des Statistischen Bundesamtes und Ihrer Organisation weisen Jahr für Jahr unterschiedliche Zahlen bei den Ertrinkungsopfern aus. Warum ist das so? Ist hier eine Harmonisierung zu erwarten?

Wilkens: Der Grund für die Erstellung einer eigenen Ertrinkungsstatistik war, dass die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nicht den Ansprüchen der Fragestellungen der DLRG entsprachen. So werden in den Ergebnissen von destatis die Ertrinkungszahlen beispielsweise nicht nach den Unglücksorten (Meer, See, Fluss, Pool, Wanne …) differenziert – ein unabdingbarer Parameter für unsere ImageUrsachenforschung. Ein weiteres Beispiel: Ein Patient, der nach Beinaheertrinken zwei Wochen komatös im Krankenhaus liegt und dann verstirbt, hat in seinem Totenschein „Multiorganversagen“ und nicht „Ertrinken“ stehen. Insofern sind unsere Zahlen vor dem Hintergrund unserer Fragestellung deutlich valider. Unser Ziel ist es, auf der Basis der Statistischen Daten Erkenntnisse über die Ursachen, Orte und Umstände des Ertrinkens zu erhalten, um dann mit entsprechenden Maßnahmen, aber auch mit politischen Forderungen wirksame prophylaktische Vorkehrungen zu treffen und so die Zahl tödlicher Wasserunfälle zu senken. Übrigens sind die vielen Betroffenen schwerwiegender Beinahe-Ertrinkungsunfälle mit ihren dramatischen Folgewirkungen überhaupt noch nicht berücksichtigt.

Eine Harmonisierung erwarte ich vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ansprüche und erhebungsmethodischer Verfahren kurzfristig nicht.

Blausand.de: Warum soll es zukünftig in Europa unterschiedliche Bedeutungen für Flaggen in den Farben rot-gelb geben? Ist das nicht irritierend und missverständlich?Wilkens: Nein. Die Tatsache, dass mit nur zwei Farben die wesentlichen Sicherheitsinformationen vermittelt werden, dient nach weltweiter Erfahrung der Verständlichkeit. Wie bereits erwähnt, wird zurzeit europa- und weltweit durch die Normierungsstelle ISO an einer einheitlichen Signalgebung gearbeitet. Die DLRG ist hier maßgeblich beteiligt. Ich erwarte im Laufe der nächsten Jahre eine globale Harmonisierung und damit eine einheitliche Sicherheitskennzeichnungen an allen Stränden und sonstigen Badestellen.

Blausand.de: Sie wollen die Ertrinkungszahlen in Deutschland bis zum Jahr 2020 halbieren. Wie ist dies unter den bestehenden Bedingungen zu erreichen?ImageWilkens: Dies ist zugegebener Maßen ein anspruchsvolles Ziel und zugleich eine für uns alle motivierende Vision. Die von der DLRG in diesem Zusammenhang angeschobenen Projekte zeigen allerdings bereits erste Wirkung. So ist etwa die Zahl der ertrunkenen Kinder in den letzten Jahren deutlich gesunken. Viele Maßnahmen wie das zitierte Kindergartenprojekt, die verstärkte Ausbildung von Lehrern, die stärkere Professionalisierung des Wasserrettungsdienstes, Risikobewertungen und einheitliche Sicherheitskonzepte lassen uns optimistisch in die Zukunft blicken. Einige Projekte werden positive Ergebnisse erst nach einigen Jahren zeigen. Insofern erwarte ich nicht von Anbeginn eine dauerhaft lineare Abnahme der Ertrinkungszahlen. Dennoch halte ich unser Ziel für realistisch, denn in Deutschland ist es immerhin gelungen, seit 1913, dem Gründungsjahr der DLRG, eine Senkung der Ertrinkungszahlen von mehr als 90% und seit 1951 von rund 75% zu erreichen.

Natürlich haben wir aber auch mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Die Schließung von Bädern, die stetige Senkung von öffentlichen Fördermitteln bremsen uns in unserem Bestreben. Sie sind aber gleichzeitig Ansporn, in Zeiten knapper Kassen, nach Alternativen zur Finanzierung und Umsetzung einer sicheren Wasserfreizeit in Deutschland und Europa zu suchen. Auch hier sind Riesenfortschritte zu verzeichnen. Die DLRG ist auf dem richtigen Weg und weist als ehrenamtlich geprägte Organisation eine einmalige Leistungsbilanz auf, die ihr weltweit eine Spitzenstellung in der Wasserrettung verschafft hat.

Interview: Rolf Lüke, Blausand.de
© Blausand.de 2006

Links zum Thema:Webseite der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG)
Website der International Life Saving Federation (ILS)
Blausand.de-Report zu Rip-Strömungen, der größten Gefahr im Meer
Blausand.de-Report über die Situation an deutschen Badeseen 2006
Fotos (von oben nach unten):
DLRG-Präsident Klaus Wilkens / DLRG-Retter / DLRG-bewachter Strand auf Wangerooge / Rettungseinsatz auf Sylt / Badende bei "Roter Flagge" auf Formentera (Balearen) / unbewachter Strand an der Algarve (Portugal) / Warnschild auf Wangerooge  / Warnhinweise vor Strömungen in Florida (USA) / "Rote Flagge" in Südspanien / "Grüne Flagge" auf Formentera / Badesee in Hessen / DLRG-Präsident Klaus Wilkens mit Bundespräsident Horst Köhler / DLRG-Wachstation am Werdersee in Bremen / Badesee in Niedersachsen / Warnschild in Australien / neue Badezonenkennzeichnungstafel der DLRG / Badebucht an der Algarve (Portugal).

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