"Immer muss erst was passieren..."

ImageAm Nachmittag des 8. Juni 2007 ertrinkt Liam Flanagan am Strand von Oba (Alanya) an der türkischen Riviera. Drei Monate nach dem tödlichen Unfall stehen mehrsprachige Warnschilder am Strand. Der Ertrinkungstod des 53-jährigen aus Pulheim bei Köln ist ein klassisches Beispiel nach dem bekannten Muster “Immer muss erst was passieren, bevor etwas passiert."

Liam Flanagan, gebürtiger Ire, wohnt mit seiner Familie seit 30 Jahren in der Nähe von Köln. Am 3. Juni 2007 fliegt der 53-jährige nach Alanya, um für ein paar Tage auszuspannen und seine Schwester zu besuchen, die hier mit ihrem Mann eine Wohnung in den "Sultan Appartments" gekauft hat.

Image5 Tage später. Es ist Freitag, der 8. Juni 2007. Am stadtnahen Strand von Oba wollen sich Liam und sein Schwager Toni am späten Nachmittag abkühlen. Es gibt an diesem Strand, den die türkischen Behörden trotz vieler Touristen und etlicher Urlauberhotels als “Naturstrand” ausweisen, weder Warnflaggen noch andere Hinweise, die auf mögliche Strömungsgefahren deuten.

Es gibt auch nichts, was bei einem Badeunfall überlebenswichtig wäre. Keine Rettungsmittel, keine Hinweise auf Notrufnummern. Später wird sich Liams Frau Brigitte daran erinnern, dass sie an diesem Tag wie auch an den Tagen vorher in Höhe der Strandhütte Nummer 9 keine Rettungsschwimmer gesehen hat.

Plötzlich tauchen unvermittelt und ohne Vorwarnung Strömungen auf. Gleichzeitig wehen - ebenfalls gefährliche - auflandige Winde. Liam - er ist im Wasser, nur wenige Meter vom Strand entfernt - gerät direkt in diese unsichtbare Gefahr und macht durch Hilferufe auf sich aufmerksam. Höchstwahrscheinlich hat er zu diesem Zeitpunkt noch etwas Halt unter den Füssen. Seine Frau Brigitte erinnert sich später, dass sie, als er um Hilfe ruft, noch seinen Oberkörper sehen kann.

Brigitte und mehrere Einheimische versuchen, Liam irgendwie aus dem Wasser zu bringen. Die Wellenbewegungen, die Strömungen über und unter Wasser verzögern diesen Prozess. Alles dauert furchtbar lange. Hilfsmittel gibt es nicht. Hektik und Panik entstehen. Professionelle Hilfe fehlt. Wann genau ein Rettungsdienst benachrichtigt wird, kann später niemand mehr genau sagen.

ImageIrgendwann nach einer unendlich lang empfundenen zermürbenden Zeit gelingt es den Helfern, festen Boden unter die Füsse zu bekommen, Liam an den Strand zu bringen. Brigitte versucht, Liam durch Mund-zu-Mund-Beatmung Leben einzuhauchen. Sie schafft es nicht.

Wenn jetzt professionelle Hilfe und Rettungsmittel am Strand gewesen wären, hätte man Sauerstoff geben können. Vielleicht hätte auch ein Defibrillator das Herz von Liam wieder schlagen lassen. Wäre. Hätte.

Weil der Rettungswagen immer noch nicht da ist, bringt man Liam oben an die Strasse und will ihn selber ins Krankenhaus bringen. Erst in diesem Moment kommt ein Krankenwagen, der den Verunglückten übernimmt und in einer längeren Fahrt quer durch Alanya ins Krankenhaus bringt. Liams Angehörige müssen sich in ihrer Verzweiflung ebenfalls durch den Ferienort kämpfen. Als sie endlich am Krankenhaus ankommen, sehen sie den Rettungswagen. Erst als sie im Gebäude sind, wird das Opfer vorbeigetragen.

3 Ertrinkungsopfer im Bereich Alanya pro Woche
ImageLiam Flanagan ist nicht das einzige Ertrinkungsopfer in der türkischen Ferienmetropole Alanya. Lokale Medien berichten, dass allein im Juni 2007 nur in dieser Region drei Personen im Meer ertrunken sind. Zwei von ihnen Touristen, der dritte Ertrunkene ein türkischer Jugendlicher. Andere Zeitungen schreiben von durchschnittlich drei Ertrinkungstoten pro Woche allein im Bereich Alanya. Die Dunkelziffer ist gerade an türkischen Badestränden extrem hoch. In der türkischen Presse wird nur gelegentlich über Unfälle berichtet. Offizielle Statistiken sind nicht erhältlich.

Nach dem Unfall gibt es endlich Diskussionen. “Wo sind die Rettungsschwimmer?” fragen die Zeitungen. Die Badegäste an den Stränden warten, so die örtlichen Medien, “gespannt darauf, wann sich das endlich einmal ändert.”

Auffällig ist, das die Aufsichtstürme nicht besetzt wurden, obwohl die Unfälle unmittelbar hintereinander passierten. Nach dem Tod von Liam Flanagan melden sich Einheimische in der türkischen Presse zu Wort. Zitat: „Es werden keine Sicherheitsvorkehrungen gegen derartige Gefahren getroffen. Wenn das hier so weiter geht, werden wir noch viele Menschen verlieren. Es sind dringend Massnahmen notwendig.“

"All inclusive": auch mit Strandsicherheit?
ImageDie türkische Riviera zwischen Antalya und Alanya gehört zu den kritischen Regionen Europas. In den "All inclusive" - Hotelanlagen, die sich zu Hunderten aneinanderreihen, sind zwar uniformierte Bewacher zu sehen, die aber oft gar nicht in der Lage sind, Rettungsaktionen durchzuführen. Oft ist es ihre einzige Aufgabe, im Falle eines Badeunfalls die Hotelrezeption zu alarmieren, die ihrerseits Hilfe herbeiholt. Und das kann dauern.

Als kürzlich bei jedem fünften türkischen Strandabschnitt die für ein Jahr verliehene "Blaue Flagge", die zumindestens Erste Hilfe-Equipment garantieren soll, aberkannt wurde, beantragte die Türkei in einer "konzertierten Aktion" die Auszeichnung im Folgejahr erneut. Ein Jahr später waren sie alle wieder dabei und seitdem gibt es über einhundert "ausgezeichnete" Strände mit den werbewirksamen Wipfeln.

Die Türkei stellt ausserhalb der Hotelanlagen nur selten Bewachungspersonal. Eine eindeutige Bewachungsstrategie ist nicht bekannt. Und wenn sich die Urlaubermassen nicht gerade auf die Füsse treten, wird der Strand trotz Hotels und Appartements - wie im Alanya-Ortsteil Oba - kurzerhand als "Naturstrand" deklariert.

"ich kann und will Liams Tod nicht einfach hinnehmen"

Brigitte Flanagan hat in den Wochen nach dem Unfalltod ihres Mannes gekämpft, gegen die Ignoranz und die lebensgefährlichen Bedingungen in Oba. Sie mobilisiert Freunde, Nachbarn, Familienmitglieder, die Kollegen ihres Mannes. Bittet sie, Briefe an die Verantwortlichen zu schreiben, sich für die Verbesserung der Sicherheit in Oba einzusetzen. "Ich kann und will Liams Tod nicht einfach hinnehmen, will versuchen, den Bürgermeister von Oba, den Bürgermeister von Alanya und den Landrat dazu zu bringen, bestimmte Sicherheitsstandards an den Stränden einzuführen, damit weitere Todesfälle verhindert werden."

Sie setzt sich mit Journalisten, Wasserrettern und anderen Betroffenen in Verbindung, die diese Situation auch erlebt und gekämpft haben. Türkische regionale Zeitungen  und weitere Medien, darunter auch deutschsprachige Internetforen in der Türkei, berichten über die Unfälle und die Unzulänglichkeiten. Der WDR, RTL und BILD nehmen das Thema auf. Auch das türkische Pendant zur Bildzeitung, die Hürriyet, berichtet landesweit. Wenige Wochen später werden in der Türkei 130 Appelle für Sicherheitsmassnahmen übergeben.

Der sanfte Druck zeigt Wirkung.

"Immer muss erst was passieren..."

ImageSeit kurzen gibt es Warnschilder in Oba. Auf den Warnschildern ist in türkischer, deutscher, russischer und englischer Sprache zu lesen: Bitte beachten Sie folgende Regeln: Seien Sie bitte bei zu starken Strömungen extrem vorsichtig, nach dem Genuss von Alkohol ist das Schwimmen gefährlich; bei hohen Wellen und starkem Wind bitte nicht schwimmen, bitte begleiten Sie Ihre Kinder beim Schwimmen im Meer.
In der  deutschsprachigen Zeitung "Alanya Bote" schreibt jemand: "Unterströmungen gibt es überall, auf Ibiza, auf Gran-Canaria z.B., ich selbst habe dort schon Ertrinkende durch Unterströmung gesehen und vergeblich versucht, einen zu retten. Auch wenn es wie in diesem Fall in letzter Zeit kein Einzelfall war, so bin ich der Meinung, dass Warnschilder in diesem Falle unangebracht sind, da man ja auch in Deutschland im Winter keine Warnschilder für Glatteis aufstellt."

“Nach dem Aufstellen der Warnschilder”, meint die örtliche Presse, “wurden im Bereich Alanya keine Todesfälle durch Ertrinken registriert."Ob für die Zukunft eine Bewachung der Strandabschnitte und eine weitere Verbesserung der Bedingungen geplant ist, ob der Strand mit Rettungsschwimmern besetzt wird oder ein Flaggensystem installiert wird, wurde vorerst nicht bekannt.

Übrigens: Auf der World Water Safety, dem weltweiten Komgress gegen das Ertrinken Ende September 2007 in Portugal waren 53 Länder beteiligt. Die Türkei war nicht darunter.

© Rolf Lüke, Blausand.de 2007Link zum Thema:
Blausand.de-Report zur Badesicherheit an der türkischen Riviera


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