DLRG-Symposium: Lesen und Schreiben gut, Schwimmen mangelhaft
Kinder sind Ertrinkungsgefahren besonders stark ausgesetzt. Nach Zahlen der DLRG ertranken im Jahr 2006 in Deutschland mindestens 29 Kinder im Vorschulalter und 63 Kinder und Jugendliche in der Altersgruppe 6 bis 20 Jahre. 

300 Teilnehmer des DLRG-Symposium "Schwimmen" mit dem Schwerpunkt “Gesundheit, Kinder, Sicherheit”  versuchten in der letzten Woche, Licht in das Dunkel der Unfallgründe zu bringen und auf die Problematik aufmerksam zu machen.

Ein Drittel Nichtschwimmer, zweithäufigste Todesursache

? www.schwimmscheiben.deEigentlich müssten nach den Ergebnissen des dreitätigen DLRG-Symposiums Schwimmen vom 15.-17. November in Bad Nenndorf bei Eltern, Pädagogen, Wasserrettern, Kommunen und Politikern alle Alarmglocken schrillen.

Zwanzig Prozent aller Grundschüler steht kein gut erreichbares Schwimmbad zur Verfügung. Ein Drittel aller Kinder im Grundschulalter sind Nichtschwimmer, Tendenz steigend. Fünfzig Prozent aller GrundschullehrerInnen unterrichten "fachfremd" (soll heissen: sie sind für die Vermittlung von Schwimmfähigkeiten nicht oder nicht ausreichend ausgebildet). Fettleibigkeit, motorische Defizite, nachlassendes Interesse von Eltern für die Schwimmfähigkeiten ihrer Kinder kommen hinzu.

Traurige Tatsache: Ertrinken ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei Kindern. Schwimmen ist aber nicht nur (über-)lebenswichtig, sondern auch extrem gesund und in jeder Altersstufe für die Kinder sehr wichtig. Das Bewegen und Spielen im und am Wasser fördert bereits im Kleinkindalter die motorische und emotionale Entwicklung von Kindern. Im Wasser können Kinder Sinnes- und Bewegungserfahrungen sammeln, die ausschließlich dort möglich sind.

Es unterstützt die Unabhängigkeit und stärkt die gesamte Muskulatur, die Selbständigkeit und das Selbstbewusstsein der Kinder. Leider ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder in der Schule neben Rechnen, Lesen und Schreiben auch Schwimmen lernen. Diese beunruhigende Entwicklung hat dazu geführt, dass mittlerweile rund ein Drittel der Kinder nach der Grundschulzeit nicht oder nicht richtig schwimmen können.

ImageEltern sollten deshalb unbedingt selbst aktiv werden und dafür sorgen, dass ihre Kinder rechtzeitig Schwimmen lernen. Die landesweite Initiative „Kinder müssen Schwimmen lernen“ will Eltern dabei unterstützen und den Kindern möglichst viel Spaß im Wasser vermitteln.

Nach der so genannten Sprint-Studie des Deutschen Sportbund hat ein "großes Manko an fehlenden Sportstätten bei 20 Prozent aller Schulen" dazu beigetragen, dass das Stundensoll des Schwimmunterrichts nicht erfüllt werden kann. Auch die Schließung vieler öffentlicher Bäder oder ihre Nutzung als "Spaßbäder" stellt ein wachsendes Problem dar. Man setze sich zwar für Verbesserungen im Schulsport ein, müsse aber auf die Zuständigkeit der Länder und Kommunen verweisen.

Und auch diese Gründe sind entscheidend und werden gern unter den Teppich gekehrt: immer mehr verbreitete motorische Defizite, mangelnde Bereitschaft von Eltern, ihre Kinder in den Schwimmkurs zu schicken, fehlender Schulschwimmunterricht und religiöse Gründe.

ImageEin Grußwort der nicht anwesenden Schirmherrin und Bundesministerin Ursula von der Leyen markierte den Anfang,  Ernücherung und Realismus das Ende der dreitägigen informativen Veranstaltung mit 300 Teilnehmern.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den derzeitigen Bedingungen im föderalen System der Schwimmeranteil flächendeckend verbessert, liegt allerdings nur knapp über null. Warum? Dass die Schwimmanfänger die "Bäderkundschaft von morgen" und, wie die DLRG in ihrer Abschlusserklärung zum Symposium schreibt, die "Bäderschließungen sowie der Rückgang des Schulschwimmens zu dramatisch abnehmender Schwimmfähigkeit der Kinder" führen, ist logisch und nachvollziehbar.

Es macht aber wenig Sinn, das "Fehlen der Politik" während des Symposiums unisono zu beklagen, bevor die Hausaufgaben der Wasserretter in Deutschland nicht erledigt sind. Erst dann kann es gelingen, die politisch Verantwortlichen zum Engagement und zum Umdenken zu bewegen.

Wieviel Ertrinkungsopfer könnten verhindert werden?

Die wichtigste Frage - für Eltern, Schulen, Kulturministerium, vor allem für Entscheider, die oftmals eine zynisch anmutende Güterabwägung zwischen Menschenleben und Kosten als Grundlage ihres Engagements und ihrer Entscheidungen ansehen, lautet:

Wieviel Ertrinkungsopfer könnten verhindert werden, wenn Menschen im Badesee, in Flüssen, im Meer und in Schwimmbädern schwimmen und besser schwimmen könnten? Diese Frage ist bis heute nicht eindeutig beantwortet worden.

Der ehemalige DLRG-Präsident Kurt Wilke behauptet: "Schwimmen ist die beste Ertrinkungsprophylaxe". Einen wissenschaftlich fundierten Beweis gibt es dafür bis heute nicht.

ImageIn Schwimmbädern mögen Nichtschwimmer-Kids die grösste Risikogruppe sein. In anderen Gewässern wie im Meer trifft dies nicht zu. Hier spielen Unkenntnis über die Gefahren, Risikobereitschaft und Leichtsinn sowie nicht vorhandene Warn- und Rettungssysteme eine mindestens genauso grosse Rolle wie Schwimmfähigkeiten. Augenscheinlich hilft es, wenn man schwimmen kann – wenigstens wegen des psychologischen Antriebes, den es gibt, wenn man sich im Wasser wiederfindet.

Andererseits sind gute Schwimmer sogar wesentlich risikobereiter als Nichtschwimmer und weniger gute Schwimmer haben - wie etwa am Meer - oft mehr Respekt vor den oft furchterregenden Wellen.

Symposium der DLRG: PodiumsdiskussionDie DLRG sammelt in jedem Jahr Zahlen über die Ertrinkungsopfer in Deutschland, nennt die Verteilung auf die Bundesländer (Bayern liegt in absoluten Zahlen immer vorn), den Anteil von männlichen und weiblichen Opfern (drei von vier Opfern sind männlich) und die Ertrinkungsorte (vier von fünf Opfern ertrinken in Seen und in Flüssen). Die Ergebnisse weichen unabhängig von Temperaturen und Regenmengen in jedem Jahr nur marginal voneinander ab.

Die entscheidende Frage, wie hoch der prozentuale Anteil der Ertrinkungsopfer ohne Schwimmfähigkeiten ist, kann allerdings nicht beantwortet werden.

Aus Nichtschwimmern Schwimmer machen

Es müsste seitens der deutschen Wasserrettungsorganisationen möglich sein, herauszufinden, welche Gründe für den Ertrinkungstod der fast 100 Kinder und Jugendlichen im Jahr 2006 ursächlich waren und wie der Ertrinkungsgrund Schwimmfähigkeiten dabei zu bewerten ist.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, "der Politik", den Bundesländern, den Gemeinden und Kommunen die Brisanz der Nichtschwimmer-Gefährdung vor Augen zu führen, wenn DLRG und Wasserwacht diese Daten in einer gemeinsamen Anstrengung mit Hilfe der Kommunen ermitteln würden.

Blausand.de fordert seit Jahren, Ertrinkungsgründe zu ermitteln, Unfallanalysen zu erstellen, diese zu veröffentlichen und als argumentatives  "Druckmittel" mit dem Ziel einzusetzen, den Schulschwimmunterricht gesetzlich zu verankern, die Ausbildungsvoraussetzungen bei Lehrerinnen und Lehrern zu schaffen, Lehrschwimmbecken in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stellen und nicht nur Rechnen, Schreiben und Lesen, sondern auch den Schwimmunterricht wieder zur Pflicht zu machen. Aus Nichtschwimmern Schwimmer zu machen.

Auf über 90 Prozent könnte die Schwimmfähigkeit bei Schwimmausbildung im schulischen und vorschulischen Bereich steigen und das Ertrinken "aus der Mode" bringen, wünscht sich DLRG-Präsident Klaus Wilkens. Das ist unter den bestehenden Bedingungen in Deutschland leider nichts anderes als "wishful thinking".

© Rolf Lüke, Blausand.de 2007Links zum Thema:
Blausand.de zum Thema Nichtschwimmer
Sprint-Studie  (Deutscher Sport-Bund)
Webseite der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG

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