Zahlen, Daten, Fakten zur Kampagne 2010
Image475 Menschen ertranken nach Angaben der DLRG 2009 in Deutschland. Fast vier von fünf Menschen ertranken dabei  in (fast immer unbewachten) Binnengewässern, also in  Flüssen, Seen, Teichen und Kanälen.

Ein Trend nach unten - wie etwa bei tödlichen Unfällen im Straßenverkehr - gibt es bei Ertrinkungsunfällen nicht.  Blausand.de analysiert die Gründe für diese dramatischen Zahlen.
ImageNachdem vor einigen Jahren ein 5-jähriges Mädchen in einem unbewachten Badesee bei Leer (Ostfriesland) ertrank, wies die zuständige Gemeinde auf Schilder mit der Aufschrift "Baden auf eigene Gefahr" hin und erklärt, man habe sich wegen des unebenen Geländes gegen eine Badeaufsicht entschieden.

Im Übrigen, so die Verantwortlichen, sei die Finanzierung einer Badeaufsicht ohnehin nicht möglich gewesen.

Die Begründung ist nur im ersten Moment ungewöhnlich, denn ein unbewachter Badesee in Deutschland ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Während in Deutschlands Schwimmbädern Badeaufsicht vorgeschrieben und die Küsten an Nord- und Ostsee  gut gesichert sind, ist eine Badeaufsicht an Deutschlands Binnenseen, an Flüssen, an Kanälen und an den besonders in Ostdeutschland oft zum Baden genutzten gefluteten Tagebaugewässern fast nie vorhanden.

Seit Jahren fast unverändert ist die alarmierende Zahl von tödlichen Unfällen in deutschen Flüssen und Badeseen, die fast immer unbewacht sind. In diesen Gewässern ertranken fast 400 Menschen  - seit Jahren sterben hier neun von zehn Opfern. Nord- und Ostseeküste gehören  zu den sichersten Gewässern.
 
Verantwortlich? Wir jedenfalls nicht!
Für die Sicherheit an Badeseen gibt es keine einheitlichen Regelungen auf Bundesebene und vor allem keine klaren Verantwortlichkeiten. Nach dem "Verursacherprinzip" sollen sich die Gemeinden darum kümmern, die wiederum in vielen Fällen ihre Verpflichtung zur Bewachung und Sicherung von Badeseen vernachlässigen und die Verantwortung an oft ahnungslose Freizeitschwimmer, Kinder und deren Eltern delegieren.

Badeverbotsschilder: eine reine Farce in der Badesaison
Das Aufstellen von Badeverbotsschildern, die viel zu oft ignoriert werden, stellen wegen leerer Kassen vielfach die einzige, allerdings fragwürdige Möglichkeit für viele Kommunen dar, sich schadlos zu halten. Schilder wie "Baden auf eigene Gefahr" und "Eltern haften für ihre Kinder", eigentlich mehr als berechtigt, sind aber kein geeignetes Mittel für mehr Badesicherheit.

Es gibt wenig vergleichbare Bereiche in Deutschland und Europa, in dem die Verantwortung so verantwortungslos delegiert wird wie bei der Badesicherheit und damit die Grenze von fahrlässigem Verhalten deutlich überschreitet.

Denn eindeutig zuständig sind die für die Badesicherheit verantwortlichen Städte und Gemeinden in Deutschland als Eigentümer der Badestellen. Und die Kommunen würden ihre Verkehrssicherungspflicht nur dann wahrnehmen, wenn Badestellen entweder wirksam gesperrt oder Rettungsdienste mit der Badeaufsicht beauftragt werden. Ein gefährliches Dilemma.

Immer weniger Rettungsschwimmer in Deutschland
Es gibt in Deutschland immer weniger Rettungsschwimmer - vor allem an den Hauptgefahrenstellen Binnenseen und Flüssen. Die Motivation junger Leute, Pflichtgefühl anstelle von oft vermisstem "Hi-Gefühl" reichen nicht mehr aus, sich gegen eine geringe Aufwandsentschädigung oder sogar unentgeltlich während der Ferienmonate am Rettungseinsatz zu beteiligen.

Badeunfälle halten sich nicht an Bewachungszeiten
Trotzdem setzen die deutschen Rettungsorganisationen (im Unterschied zur Wasserrettung in vielen anderen Ländern) nach wir vor auf Freiwilligkeit und müssen damit in Kauf nehmen, daß die Zahl der Wasserretter und die Bewachungszeiten reduziert werden, während Eltern ihre Kinder gleichzeitig in trügerischer Sicherheit wähnen. Oft sind deshalb die Rettungsdienste - wenn überhaupt - nur an Wochenenden und Feiertagen sowie während der Schulferien vor Ort. "Die Badeunfälle", so sagt der Leiter einer Wasserwacht in Sachsen, "halten sich aber oft nicht an diese Zeiten".

Der rapide Anstieg der Opferzahlen hat auch mit der steigenden Zahl von Nichtschwimmern und der Umwandlung von öffentlichen Schwimmhallen in Spaßbäder zu tun. In "bewegungsarmen" Zeiten von Fernseh- und Computerlandschaften lassen Eltern ihre Kinder oft nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen. Eine gefährliche Entwicklung für Kinder, bei denen der Ertrinkungstod die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen darstellt. "Mit den Schwimmkisten der sechziger und siebziger Jahre", so ein Verbandsprecher des Bundesverband öffentliche Bäder, "können Sie Kinder heute nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken".

Schwimmen lernen schwer gemacht
Wie aber sollen Kinder in Spaßbädern zwischen Riesenrutschen, Wasserfällen und Felslandschaften Schwimmen lernen? Auch dem Schwimmunterricht erteilen Verbände und Institutionen oft schlechte Noten. "Die Qualität", sagt der Geschäftsführer vom Schwimmverband Sachsen-Anhalt Klaus Gatter, "hat deutlich nachgelassen. Oft stehen am Beckenrand Grundschullehrer, die sich zwar die größte Mühe geben, aber die Methodik des Schwimmens kaum oder gar nicht beherrschen." Für die Fortbildung der Lehrkräfte stellt das Land Brandenburg magere 10.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Die Folgen sind mehr Nichtschwimmer und steigende Unfallzahlen.

Auch die täglichen Bewachungszeiten an Badestellen müssen bedarfsorientiert sein und die personelle Präsenz über die Ferienwochen hinaus verstärkt werden und die finanziellen Bedingungen für die freiwilligen Rettungsschwimmer - besonders an Gewässern im Inland -  müssen verbessert werden.

Wachkoma nach Ertrinken
Bei Statistiken zur Zahl von Ertrinkungsopfern wird oft vergessen, dass auf einen Todesfall vermutlich noch einmal fünf bis zehn so genannte "Beinahe-Ertrinkungsfälle" kommen. Diesen Menschen, meist sind es Kinder, kann zwar durch intensivmedizinische Maßnahmen immer häufiger das Leben gerettet werden, jedoch sind die Langzeitresultate ernüchternd, wie eine Untersuchung zeigt: Jedes vierte beinah ertrunkene Kind, das wiederbelebt wird, stirbt innerhalb des ersten Jahres nach dem Unfall. 18% liegen nach einem Jahr immer noch im Koma, bei 37% bleiben schwere und bei 13% mäßige neurologische Schäden zurück. Nur in 7% der Fälle finden sich leichte bis gar keine neurologischen Defizite. Jedes zweite Kind trägt eine Epilepsie davon.

Durch Ratlosigkeit und Sparmaßnahmen wird man dem "nassen Tod" nicht wirksam begegnen können. Um die hohen Ertrinkungszahlen an Badessen und Flüssen zu reduzieren, wären neue Freizeitkonzepte und gesetzliche Regelungen, die Gemeinden und Betreiber an den Badestellen verpflichten müssten, einen Wasserrettungsdienst zu stellen und besser über Badegefahren zu informieren, dringend notwendig und längst überfällig.

Gefahrenanalysen: Wer soll diese durchführen?
Angesichts der hohen Zahl von Opfern in deutschen Binnengewässern ruft die DLRG immer wieder nach Gefahrenanalysen durch die Kommunen in Deutschland. Aus unserer Sicht ist dies eine zum Scheitern verurteilte Forderung. Vielmehr müsste die größte Wasserrettungsorganisation der Welt Gemeinden, Landkreisen und Dienstleistern die notwendigen Konzepte und Instrumentarien aktiv zur Verfügung stellen, wie von Blausand.de seit langen Jahren gefordert wird.

Der Zusammenhang zwischen Schwimmfähigkeiten, Bewachungssituation und Ertrinkungsunfällen müsste nicht nur behauptet, sondern viel gründlicher erforscht werden: Anfragen von Blausand.de nach der Zahl der Nichtschwimmer unter den  Ertrinkungsopfenn und dem  Anteil der unbewachten Badestellen an den Unfallorten im Binnenland konnte seitens der DLRG nicht beantwortet werden.


© Blausand.de 2010. Alle Rechte vorbehalten. Blausand.de-Hotline für Schwimmer, Eltern und Familien, Kommunen und Journalisten: 0172/4003073 (1.5.-30.9.2010, täglich 10-17 Uhr). Haben Sie Anregungen für mehr Badesicherheit in Flüssen und Seen? Unsere Mailadresse:
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