18.9.1999. Der Himmel stand still.
Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten.
Und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe - 
das einzig Bleibende, der einzige Sinn. 
Thornton Wilder
ImageDieses verdammte Meer. Es lockt und verschlingt. Aber es kann nicht anders. Sein Wasser will permanent wieder zurück. 150 Meter Richtung Meer wird es am Wegfließen gehindert. Sandbänke, Buhnen und Felsen verkleinern den Aktionsraum für das bewegende Chaos. Über Wasser sorgen Wellen für Spaßfaktoren. Unten für unkalkulierbares Risiko. Wenn es dann zerstört, weint der Himmel.

Das Meer, das Beate aus Hamburg und Corinna aus Hannover ertrinken ließ und das Leben und ihrer Familien und Freunde schlagartig und für alle Zeiten veränderte, liegt zwei bis drei Flugstunden, eine Schiffsstunde und dreißig Fahrradminuten von zu Hause entfernt. Bis Algerien, so steht es auf einem hölzernen Wegweiser, sind es noch 139 nautische Meilen übers Meer.

Die Schiffsstunde über das Meer zwischen Ibiza und Formentera kann auch doppelt so lange dauern, wenn das Wasser wütetet und die Seelenverkäufer mit den Namen Joven Dolores und Illa Formentera die schmale Schiffsroute zwischen den engen Felsformationen im Freo, das ist die kurze und kritische Teilstrecke zwischen den beiden Inseln, unbedingt meiden sollten und sich erst später an die Insel heranpirschen können.

Danach sind die meisten von ihnen, besonders die Urlauber, grün und weiß im Gesicht.

Aber erst mal ist alles wieder in Ordnung. Richtig passiert ist hier zwischen beiden Inseln noch nie was. Insulaner und Urlauber haben ein Schiff um sich herum und einen mit allen Meereswassern gewaschenen Schiffsführer an Bord.

ImageDas Meer rund um die Insel Formentera ist der wichtigste Teil eines Urlaubstraums. Insulaner und Besucher haben Superlative wie Karibik im Mittelmeer und El Último Paraiso erfunden, um das kleine Eiland zu würdigen.

Und erstmal die Strände. Die Insel hat sie nach den wohlklingenden Inselwinden benannt. Migjorn, Tramuntana, Levante.

Der Strand. an dem das Unglück am 18. September um kurz vor vier am Nachmittag passiert, heißt Platja Migjorn.

Der schönste Platz für den populärsten und riskantesten Freizeitspaß, den es gibt, ist das Meer. Hier gibt es Schönheit, Faszination, Erholung, Bewegung, Spaß.

Und Verzweiflung.

Wenn das Meer mit uns gnadenlos und zerstörerisch umgeht, wenn aus einem Urlaubstraum ein blanker Alptraum wird. Wenn es sich Urlauber schnappt, die dem Meer nie was getan haben. Sie trotzdem mit aller Kraft vereinnahmt, erst in Angst und dann in Panik versetzt, ihnen ihre Kräfte raubt, sie hinauszieht und zum Schluss auch noch am Atmen und Schreien hindert.


Der schöne Name des Windes

ImageDas alles geschieht manchmal zur selben Zeit am selben Strand.

Als Beate und Corinna ertrunken waren und ihre geborgenen Körper noch lange am Wasser liegen mussten, solange, bis der Friedensrichter sie für den Transport in die Friedhofskapelle freigegeben hatte, bevor sie noch viel später mit dem Schiff nach Ibiza gebracht wurden, schwammen andere Urlauber im Wasser mit dem schönen Namen des Windes.

Für 190 spanische Peseten verkauft Lothar, wenn die deutschen Urlauber auf der Insel sind, seine Formentera-Zeitung. Alles steht drin, was zu einer guten Ferien- und Inselzeitung gehört. Deshalb hat Lothar mit Dr. Louis, den Inselarzt, der Insulaner und Feriengäste seit den siebziger Jahren medizinisch versorgt, die wöchentliche Inselkolumne Gesund im Urlaub vereinbart. Insektenstiche. Quallen. Durchfall. Seekrankheit. Sonnenbrand. Ertrinken.

Mit Ertrunkenen hat Dr. Louis oft zu tun. In diesem Jahr sind es schon fünf tote Urlauber. Fast alle an derselben Stelle.

Am 11. September ist die Saison eigentlich schon fast zu Ende, als der Arzt in der Formentera-Zeitung über das Thema  Beatmung schreibt: "Wenn Ihre Bemühungen erfolgreich sind", schreibt Dr. Louis, "wird der Halbertrunkene bald wieder zu Bewusstsein kommen. Später kann ihn ein Arzt mit Sauerstoff und Medikamenten versorgen". Über dem Artikel in Lothars Inselzeitung steht die Überschrift: "Sie können gut schwimmen, aber weiß das Meer das auch?"

Mit Meer meint Dr. Louis eigentlich den Strand am Es Arenals an der Platja Migjorn. Diese Stelle ist  neben Llevante die Bucht mit den meisten Opfern.

Genau genommen ist es der gefährlichste Strand der Balearen.

Nicht nur wegen seiner unsichtbaren morphologischen Bedingungen unter Wasser. Auch wegen einiger Insefreaks, die "ihr" Paradies nur ungern durch socorristas bewacht sehen möchten.

Auch wegen der vielen Angehörigen, die still leiden. Deren Trauer und Verzweiflung die  Inselverwaltung nur selten erreichen. Weil keiner Druck macht, gibt es hier keine Bewachung. Nicht einmal Rettungsringe, keine Notruftelefone.


 Warnung vor den Piraten

Bei auflandigem Südwind hängt manchmal eine kleine rote Warnflagge unterhalb der Piratenflagge am Piratabus. Viele Urlauber sind der festen Überzeugung, die Flagge sei gewissermaßen eine Warnung vor den Piraten, nicht vor den Strömungen.

ImageBeate hat Mitte September wieder nur kurze Zeit frei. Sie arbeitet am Hamburger Flughafen, hat gerade ihr 25-jähriges Lufthansa-Dienstjubiläum gefeiert. Ein Freiflug auf dem weltweiten Streckennetz als Dank für ein Vierteljahrhundert Firmentreue ist ihr nicht sonderlich wichtig. Ihre Rennstrecke Hamburg - Ibiza - Formentera umso mehr. Flieger, Taxi, Schiff, Taxi, Flieger. Selten für eine Woche. Oft nur für 3 Tage.

Es ist auch schon vorgekommen, dass Beate bis zum Mittag Dienst hat und am nächsten Tag um 14 Uhr wieder zur Arbeit erscheint. Zwischenzeitlich war sie in Spanien, auf den Balearen. Auf Formentera.

Am 17. September will sie wieder hin, am 19. zurückfliegen und ein Seminar in Seeheim in der Nähe von Frankfurt besuchen. Der Flughafen Ibiza hat keine Schließfächer und keine Gepäckaufbewahrung. Ihre Reisetasche, die sie für das Seminar benötigt, lässt sie am Condor - Schalter.

Am frühen Nachmittag kommt Beate auf der Insel an, fährt sie weiter zum Hostal Es Arenals, wo sie die wenigen Stunden bleiben will. Den frühen Abend verbringt sie in einem kleinen versteckten Kiosk, im El Pelayo im westlichen Teil der Platja Migjorn am Es Mal Pas, fährt später in die Fonda Pepe, wo sie mich sieht, als ich mit Uwe, Ulli, Schoppi und anderen Freunden  am großen Tisch im Restaurant links hinter dem Tresen sitze.

Wir verabreden sich für den nächsten Tag an der Platja Migjorn. Am Es Arenals. Irgendwann am Nachmittag. Wahrscheinlich am Piratabus.

Bei Kilometer 11 kommen Inselbesucher über steinige unbefestigte Sandwege zum kleinen Parkplatz direkt am Strand, hinter dem der Piratabus steht. In den siebziger Jahren, als Hippies und Pink Floyd, Dylan, King Crimson und Chris Rea die Insel besuchen, gründet Pascual seine Bar in einem alten Bus. Im November 1983 schaltet sich die Inselverwaltung ein, der Bus muss verschwinden und wird durch eine Holzbude ersetzt. Ende der achtziger Jahre kommt Pascual mit Edith aus Deutschland zusammen, die mit in die Strandbar einsteigt.

Seitdem ertrinken in jeder Saison Urlauber auch vor den Augen von Edith und Pascual. Auch Gäste vom Piratabus.


Einer von uns würde hier nie schwimmen


Antonio kümmert sich an diesem Septembertag um Strandliegen und Sonnenschirme am Es Arenals. Der Insulaner hat viele Ertrinkungsunfälle hautnah miterleben müssen. Besonders dann, wenn der Wind auflandig in Richtung Strand bläst, versucht er, die bekloppten Touristen, so nennt er die Unverbesserlichen hinter vorgehaltener Hand, vor den Strömungen zu warnen. Dann wirbelt mit seinen Armen durch die Luft. "Die Leute sind verrückt und leichtsinnig", sagt Antonio, "wenn mehr als einer ins Wasser geht, kommen zehn andere hinterher. Einer von uns würde hier nie schwimmen."

Der 18. September ist einer dieser Tage mit auflandigem Wind. Als Edith und Pascual gegen Mittag zum Parkplatz kommen, sehen sie das gefährliche Wasser. So wie die Wellen ans Ufer rollen, laden sie geradezu dazu ein, im Meer zu schwimmen.

Edith und Pascual wissen es besser. Sie hissen unterhalb ihrer Piratenflagge ihre kleine rote Warnflagge. In der Hoffnung, dass die Bedeutung ihren Gästen klar ist. Dies ist aber nur selten so, weiß Edith. Immer wieder wird sie gefragt, was die rote Flagge an dieser Stelle bedeuten soll.

Kurz nach zwei sitzen Nicole und Bettina am Piratabus. Edith sagt ihnen, wie gefährlich das Baden heute ist.


9.9.99. Das magische Datum

Corinna und Björn wohnen in Garbsen bei Hannover. Der 9.9.99 ist für sie mehr als ein magisches Datum. Es wird der schönste Tag ihres Lebens. Sie heiraten, tragen sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Ihre Hochzeitsreise geht vier Tage später nach Ibiza. "Ein kleiner Ausflug", sagt der Reiseleiter zum ImageHochzeitspaar, "würde euren Urlaub abrunden. Am besten fahrt Ihr an den schönsten Strand der Balearen. Zum Es Arenals."

Am 18. September fährt das junge Paar von Ibiza nach Formentera. Kurz nach drei am Nachmittag springen sie ins Wasser. Nur wenige Meter vom Ufer entfernt werden sie von den hohen Wellen umgeworfen, Corinna und Björn sind seit neun Tagen verheiratet. Sie genießen das Leben in den sich laut brechenden Wellen. Corinna ist eine gute Sportlerin. Rettungsschwimmerin.

Weil September auf Formentera als Monat der Individualisten gilt, ist die  Platja Mitjorn unterhalb vom Restaurant Flipper und vom Hostal Es Arenals gut besucht. Das Wasser ist 23 Grad warm. Das einzig Herbstliche ist, dass die Sonne früher untergeht.

In drei Monaten ist Weihnachten, denke ich, als ich am frühen Nachmittag am Piratabus sitze.

In der Bucht baden jetzt fünfzig Kinder und Erwachsene. Die meisten davon vorn im flachen Wasser.

Es Arenals an der Südküste Formenteras ist ein paradiesischer Strandabschnitt mit Buhnen, einer vorgelagerten Sandbank, schönen Felsen und mit häufigen auflandigen Winden. Der Wind bringt die Wassermassen auf den Strand, die beim Zurückfließen ins Meer von den "Schikanen", von Felsen und Buhnen abgelenkt werden und sich auf kleinstem Raum ihre Wege suchen. Ihre unsichtbare Energie entwickeln. Bis 150 Meter vor dem Strand, hier fließen die Massen dann wieder zurück und entwickeln ihr eigenes Chaos. Unerkannt von den arglosen Urlaubern. Manchmal als todbringende Naturgewalt.

Dass der Wind schon in den Tagen davor auf Süd gedreht hat und dadurch starke Rückströmungen entstehen, wissen die Urlauber nicht. Manche wollen sie es auch gar nicht wissen.

ImageFast zeitgleich werden Corinna und Björn die Beine weggezogen. Beide verschwinden unter den hohen Wellen und werden fünfzig Meter weit hinaus gerissen. Manchmal kommen sie nach oben.

Jetzt mischen sich in die Geräusche der sich brechenden Wellen die Schreie von Corinna.

Manuela sitzt mit ihrem Mann Vicente auf der Terrasse der Flipper-Bar. Es ist Samstag. Wochenende. Sie sind zum Paellaessen eingeladen.

Auch Manuela wird seit 1992, seitdem sie Reiseleiterin ist,  immer wieder mit dem Thema Ertrinken konfrontiert, obwohl sie in den Willkommensgesprächen regelmäßig auf Strömungen und Bedeutung von Flaggen hinweist. Schon in Manuelas erster Saison geht ein Urlauber, armamputiert, schwimmen und gerät in eine der gefürchteten Strömungen. Seine Frau versucht, ihn zu retten. Beide ertrinken. Nie wird Manuela den Tag vergessen, an dem sie die Sachen des ertrunkenen Ehepaares, das später die letzte Reise ohne Begleitung antreten muss, zusammengepackt hat. Ausweise, Kleidungsstücke,  Bücher, Zahnbürsten. Schmerzhaft fühlend, dass alles dies nie wieder gebraucht werden würde.

Zwei Jahre später muss sie zusammen mit ihrer italienischen Kollegin die herzzerreißenden Tränen eines 10-jährigen Jungen miterleben, dessen Vater beim Versuch, ihn, seinen Sohn, zu retten, ertrinkt. Im selben Jahr stirbt ein Kleinkind in einem Hotelpool der Insel, im gleichen Alter wie Manuelas Tochter. Die Eltern sitzen auf der Terrasse der Poolbar und entdecken ihr Kind erst, nachdem es still direkt neben ihnen untergegangen ist.


Geckos und Amsterdam

Das Alarm- und Rettungssystem auf Ibizas kleiner Schwester Formentera ist nicht gerade unkompliziert. Die Alarmrufe unter 112 werden für alle Baleareninseln zentral nach Palma auf Mallorca weitergeschaltet. Und die nicht immer reibungslos funktionierende Mehrsprachigkeit ist nicht selten mit Zeitverzögerungen verbunden. Die Disponenten von "UnoUnoDos" fragen nach dem Standort, der bei Hunderten von Balearenstränden nicht immer eindeutig ist, informieren die Rettungsstelle auf einer der vier Baleareninseln. Und im Bedarfsfall auf Formentera oder Ibiza einen Helikopter, dessen Standort Ibiza ist und der zwischen 6 und 10 Minuten zum Arenals-Strand auf Formentera braucht. Für Irritationen und deshalb nicht selten auch für Verzögerungen sorgen gleich zwei Telefonnummern für Notfälle. 112 und 061.

Beate genießt die wenigen Stunden, die ihr am Strand bleiben. Se liegt auf ihrem mit Geckos verzierten blauen Strandtuch. Vor ein paar Tagen ist Amsterdam, der neue Roman von Ian McEwan, auf Deutsch erschienen. Eine Freundin, Buchhändlerin, hatte Beate das Buch mit auf die Insel gegeben.

Trotz der lauten Wellen hört sie die panischen Schreie aus dem Meer.

Langsam legt Beate ihr Lesezeichen, ein abgerissenes Stück aus einer Packung After Eight, in ihr Taschenbuch. Ohne ein einziges Wort zu sagen, geht sie in Richtung Wasser, läuft in die Wellen hinein. Keiner hindert Beate daran.

ImageSie wird hinausgerissen, kommt nicht gegen die Strömung an, kann nicht mehr zurückkommen. Kann auch nicht kontrolliert zu Corinna schwimmen. Beate wird Spielball derselben Wasserbewegungen, mit denen Corinna, die jetzt vielleicht noch fünf oder 10 Meter von ihr entfernt ist, gleichzeitig kämpft.

Ein einziges Mal, sagt später eine Augenzeugin, sind Beates blonde Haare noch zu sehen.

ImageDr. Louis hat an diesem Sonnabend Wochenenddienst und wird um kurz nach 15 Uhr alarmiert. Der Inselarzt befindet sich im Centre Salud, einer kleinen Krankenstation zwischen den Inselorten San Francisco und La Sabina. Bis zur Unfallstelle am Strand fahren der Arzt und sein Assistent mit heulender Sirene. Sie brauchen genau 7 Minuten.

Corinna liegt am Strand, direkt zwischen dem Restaurante Es Arenals und dem Meer. Dr. Louis kommt schnell zu der Erkenntnis, dass seine Hilfe zu spät kommt. Corinna ist tot.

In diesem Augenblick erreicht ihn die Nachricht, dass fünfzig Meter entfernt in Richtung Piratabus eine zweite Frau liegt.

Genau in diesem Moment gehe ich vom Piratabus in Richtung Restaurant Es Arenals. Nach zweihundert Metern hinter einem kleinen Felsen an der Flipper-Bar ist die Bucht vor dem Restaurante Es Arenals zu sehen. Und vielleicht hundert Menschen. Aus der Entfernung sieht es so aus, als wenn sie alle regungslos am Strand stehen.

Ich  zögert. bin für einen Augenblick unfähig, weiterzugehen. Mein Herz schnürt sich ein. In diesem Moment läuft Til auf mich zu und zeigt schräg hinter sich auf das Meer: "Beate ist da draußen". Da draußen? Beate??? Ich spüre, ich brauche Hilfe, renne zum Piratabus zurück, sehe Nicole und Bettina, die mitkommen. Die Entfernung zur Bucht wird kleiner, wir laufen am Restaurant Flipper vorbei und sehen eine Person am Strand, die zwischen schreienden Menschen liegt.


Ein Fünkchen Hoffnung

Warum ich ahne, fast sicher bin, dass da gerade eine Katastrophe passiert, mit der ich zu tun haben werde, weiß ich bis heute nicht. Als ich mich dieser Person nähere, wird mir mit jedem Meter klarer, dass dies mich direkt betrifft, dass das alles mit Urlaub nichts mehr zu tun haben würde, das da etwas Schlimmes passiert ist oder passieren wird. Später, noch Jahre später frage ich mich immer wieder: Wieso hast du das nicht nur geahnt, wieso hast du das gewusst? Gewusst! Es hätte hunderte Andere betreffen können, wieso meine Schwester, wieso ich?

Es ist Beate. Aber sie liegt nicht regungslos da, sie bewegt sich!

Ihr Brustkorb bewegt sich. Eine Frau sitzt am Kopfende von Beate und versucht, sie mit Mund-zu-Mund-Beatmung zu reanimieren. Ich nähere mich Beate mit lähmendem Entsetzen und dem Gefühl: Mach was. irgendwas.

In dem Moment kommt der Arzt, zusammen mit einem Helfer, der Sauerstoff und Adrenalin aus dem Koffer reißt, während Dr. Louis mit der Herzdruckmassage beginnt.

ImageJetzt, so kommt es mir für eine Sekunde in den Sinn, ist alles getan. Wiederbelebung, Medikamente. Das nährt ein Fünkchen Hoffnung. Beate bewegt sich. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Ich knie am einzigen freien Platz rund um den Körper meiner Schwester, an Beates Füssen und hält sie fest. Jetzt habe ich eine lebendige Verbindung zu ihr.

Einmal, nach 2 oder 5 Minuten, keiner weiß es, schließe, während ich stille Gebete zum Himmel schicke, die Augen und stosse meinen Kopf auf den Sand neben Beate, um den hilflosen Versuch zu machen, endlich wieder mit der Erde in Verbindung zu kommen.

Den Kopf in den Sand stecken? Die Assoziation, die durch mein Gehirn rast, ist kaum zu ertragen.

Den Arzt zu fragen, wage ich nicht. Nicht jetzt. Will Dr. Louis nicht ablenken. Den Helfer fragen, das will ich auch nicht. Vielleicht weiß der gar nicht, wie es um Beate steht.

Und wenn Beate schon tot oder nicht mehr zu retten ist, will ich es jetzt wissen? Nein. Weil spätestens dann der böse Traum zur grausamen Realität werden kann. Und wenn das Leben durch den Tod wirklich so radikal belastet werden muss, dann, bitte lieber Gott, lass uns wenigstens etwas Zeit.

Irgendwann sind die chaotischen Gedanken und Gefühle zwischen Hoffnung, Panik und von Minute zu Minute stärker aufkeimender realer Verzweiflung nicht mehr auszuhalten, so dass ich den Helfer, der ja direkt neben mir kniet, leise frage, was los ist, kurz nachdem ich das Gesicht meiner Schwester gesehen habe. Das nicht lebendig aussieht.

Erfahrung, um diese unwirklichen Geschehnisse einzuordnen, habe ich nicht. Außer meinem Vater, fast zwanzig Jahre ist das her, und meinem Bruder, der fast auf den Tag genau vor fünf Jahren starb, habe ich noch nie einen sterbenden oder toten Menschen gesehen. Auch nicht nach einem Verkehrsunfall. Auch nicht einen Ertrunkenen.

Carolin und Torsten sitzen mit ihren Söhnen Moritz und Niklas, 5 und 3 Jahre alt, im Restaurant Flipper.  Moritz und Niklas sind Nichtschwimmer, die nur mit Schwimmflügeln ins Wasser kommen. Heute aber besser nicht, denkt Carolin, die andere Schwimmer direkt vor sich sieht. Wie kann ein Mensch, denkt sie sich, bei diesem Wetter überhaupt baden gehen? Als sie nach links sieht, registriert sie eine Traube von Menschen am Strand. I n den darauf folgenden Minuten überschlagen sich die Informationen. Da drüben ist eine Frau ertrunken, sagen vorbeigehende Urlauber. Zwei Frauen sind tot, heißt es. Andere sind sich sicher, dass gerade vier Menschen im Meer gestorben sind.


Die ganze Wahrheit

Wie lange der Kampf um Beates Leben jetzt schon dauert, dafür habe ich kein Gefühl. Im Zeitraffer entstehen lebendige Bilder aus dem Leben meiner Schwester. Beate in Verona, in der Arena, in Australien, Beate mit Max, ihrem Sohn, Beate am Gleitschirm, beim Segelfliegen, Beate auf Formentera, in der Fonda Pepe, bei Felix, bei Yvonne, in der Casa de suenós.

Zu dieser geballten Lebendigkeit im Zeitraffer passt alles ausser Sterben.

Nach vielleicht einer halben Stunde steht der Arzt auf.

Weil ich immer noch am Boden sitze, habe ich die horizontale Handbewegung des Arztes, von der Bettina später berichten wird, nicht wahrgenommen.

ImageDer Helfer stellt an einer der beiden Seiten von Beate eine Strandliege als Sichtschutz auf und deckt Beates Körper mit einem Tuch ab. Dann bittet mich der Arzt  zu einer anderen Strandliege direkt neben Beate und misst meinen Blutdruck, von dem ich nicht erfahre, ob dieser bedrohlich ist.

Vielleicht hat Dr. Louis nur gemessen, weil er überhaupt etwas machen wollte.

Obwohl icheine stark eingeschränkte Wahrnehmung der Geschehnisse um mich herum hab, erreichen mich von ganz weit entfernt die Fragen von Dr. Louis. Ob Beate verheiratet war, er sagte war, ob sie Kinder hatte, ob die Eltern noch leben. Ja, antworte ich mechanisch. Sie ist verheiratet. Getrennt lebend. Ein Sohn. Max. Mutter lebt. Allein. 77 Jahre alt.

Manuela und Vicente sehen die Menschentraube links unter ihrem Tisch in der Flipper-Bar und erfahren, dass zwei Personen im Wasser um ihr Leben kämpfen. Jetzt fordert eine Stimme endlich die Schwimmer auf, das Wasser sofort zu verlassen. Manuela kann sich später nicht mehr erinnern, ob der Rettungshubschrauber schon da war, als die Ertrinkenden noch um ihr Leben kämpften oder ob er später eintraf. Sie erinnert sich nur daran, dass jemand die Schwimmer aus dem Hubschrauber aufgefordert hat, das Wasser zu verlassen.

Als Vicente den Arzt und später auch den Friedensrichter unten am Strand sieht, wissen er und Manuela, dass das etwas Fürchterliches zu bedeuten hat

Vielleicht, sagt Dr. Louis, sei es besser, meiner Mutter nicht gleich die ganze Wahrheit zu sagen. Vielleicht sollte ich ihr sagen, dass Beate schwer verletzt sei. Erstmal.

Dieser Rat, den ich als geradezu abstrus empfinde, löst eine Art vorübergehender Ernüchterung bei mir aus. Weil ich jetzt einen Zugang zu dem habe, was auf mich zukommen wird. Weil ich mich vielleicht etwas entlasten kann, wenn ich bald etwas von dem machen kann, was ich machen muss.

Weil ich aus der schrecklichen Situation ein bisschen in die Zukunft flüchten kann.

Gleichzeitig wird mir ansatzweise klar, was jetzt zu tun ist. Ohne schon zu wissen, wie es zu tun ist. Max ist mit seinem Vater irgendwo in Holland. Mutter wohnt allein.

Inzwischen hat sich Björn so gerade noch retten können. Aber ein junger Holländer, der sich in die Wellen gestürzt hatte, um Beate zu helfen, wäre beinahe selbst ertrunken. Er kämpft sich mit allerletzter Kraft aus der Strömung heraus und wird auf eine Liege gelegt.

Bettina sieht sein Gesicht und wird später sagen, dass sie diesen Anblick in ihrem ganzen Leben nie vergessen wird.

Der Arzt versorgt den Geretteten mit Sauerstoff, und der Holländer beginnt, wieder selbständig zu atmen. Er wird mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus Cán Misses auf Ibiza geflogen.

Von der Flipperbar aus bemerken Torsten und Carolin hundert Meter entfernt im Wasser einen Mann, der mit den Armen rudert, der auf sich aufmerksam machen will. Der eindeutig in Not sein muss. Torsten rennt zum Piratabus und fragt nach einem Seil, mit dem er sich beim Retten sichern kann. Er bekommt es, sucht sich einen weiteren Helfer, der das Seil festhält, bindet es sich um den Körper und schwimmt zu dem Mann, der sich dem Strand inzwischen auf 60 Meter genähert hat.

Der Schwimmer, ein deutscher Urlauber, wird später zu Torsten sagen, er habe gar nicht um Hilfe gebeten, er sei gar nicht in Not gewesen. Carolin, hochschwanger, sie erwartet ihr drittes Kind, verfolgt die Rettungsaktion ihres Mannes vom Strand aus. Ob sie in diesem Moment in Sorge um Torsten war, daran kann sie sich später nicht erinnern. Sie hat das in diesem Moment wohl ausgeblendet. Sie hat ihm einfach vertraut.

Die Meldung, eine weitere Person sei gesichtet worden, die hundert Meter vom Strand entfernt im Meer zu ertrinken drohe, erreicht den Hubschrauber noch in der Luft. Der Pilot fliegt zurück zum Strand. Er fliegt niedrig, kann aber niemanden entdecken. Er sei von einem mutigen anderen Urlauber gerettet worden, heisst es später.

ImageAndere Urlauber erzählen sich abends in der Kneipe Fonda Pepe, dass es am Nachmittag in der Bucht von Es Arenals fünf Menschen gegeben habe, die gerettet wurden, weil andere ihr Leben für sie riskierten.

Als Dr. Louis mit den Angehörigen noch bei den Opfern ist, die Rettungsbemühungen für andere Menschen noch andauern, nachdem der Krankenwagen heranrollte, danach zweimal der Leichenwagen, der Rettungshubschrauber gerade weg ist, Panik und Geschrei noch in der Luft hängen und die Guardia Civil Badegäste anweist, nicht ins Wasser zu gehen, stürzen sich andere Urlauber wieder in die Wellen und schwimmen raus.

Bettina fährt mich mit meinem Wagen in mein Inselhaus am Salzsee.

Es ist an der Zeit, zu telefonieren. Beim Wählen habe ich tatsächlich das Gefühl, als könnte ich jetzt die Last, die ich nun tatsächlich nicht mehr aushalten kann, auf mehrere Schultern verteilen.

Mein Handy findet Max und seinen Vater auf dem Ijsselmeer beim Segeln in Holland.

Aber meine alte Mutter darf ich, das ist mir schon im Auto klar geworden, jetzt nicht anrufen. Ich rufe Uwe an, meinen Bruder, der danach zusammen mit Freunden zu unserer Mutter fährt und die Nachricht überbringt.

Später kommt die Guardia Civil. Man will eine Unfallschilderung in der Polizeistation von San Francisco protokollieren.


Psychisch überleben


ImageWieder gibt es für mich was zu tun. Auch am nächsten Tag. Stundenlang bis zur Erschöpfung telefonieren. Mit Inselfreunden reden. Ziellos über die Insel fahren. Psychisch überleben. Der immer wiederkehrende Versuch, auch nur ansatzweise irgendetwas zu begreifen, misslingt.

Und Zeitung lesen. Nachdem mich Freunde vorsichtig auf den Artikel hingewiesen haben, seheauf der Titelseite der Sonntagsausgabe vom "Diario de Ibiza" am nächsten Tag das Bild meiner ertrunkenen Schwester im Zinksarg am Strand.

Unter dem Bild steht aber der Name von Corinna. "Präzise", diesen unmöglichen Gedanken kann ich nicht wegschieben, "war die Tageszeitung der Pityusen selten".

Zwei Tage später ist das Wetter noch immer stürmisch. "Der Himmel weint", sagen meine Inselfreunde. Das erste frühe Schiff von Formentera nach Ibiza fällt aus. Ich fahre erst um 10 Uhr, um mit dem Beerdingungsinstitut zu sprechen.

Der Konsularbeamte auf Ibiza lässt sich den Personalausweis von Beate aushändigen. Das Institut weist darauf hin, dass bis zur Überführung nach Deutschland  noch Wochen vergehen können.

Weil Beate nicht auf Ibiza, nur auf Mallorca eingeäschert werden kann.


Wenn das Meer eine Seele hätte

Die Rückfahrt nach Formentera am Nachmittag, es ist noch genauso stürmisch wie am Morgen, dauert endlos lang, weil sich das Schiff mal wieder auf der weniger riskanten und längeren Strecke der Insel nähert.

ImageAls das Schiff den Hafen endlich erreicht, fährt fahre ich mit Spellmann, meinem Entlebucher Sennenhund, zur Bucht von Es Arenals. Spellmann hat vor den kleinen Wellen mehr Angst als Menschen. Ein paar Meter vor ihm war die Schwester seines Herrchens gestorben. Das wusste er nicht. Aber das was Schlimmes passiert war, spürte er.

Erst jetzt klingt der Sturm langsam ab. Das Meer, in dem Beate und Corinna Stunden vorher gestorben sind, tut so, als wenn es niemals und Niemandem etwas Böses antun könnte.

Wenn das Meer eine Seele hätte, denke ich, würde es jetzt nicht so unbeteiligt tun.

Zwei Wochen später findet Beate Ihre letzte Ruhe im Familiengrab auf dem Voxtruper Friedhof in Osnabrück. Auf ihrem Grab liegt Sand vom Formenterastrand, darauf einige Formenteramuscheln.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Stückchen Erde wie eine kleine Urlaubsidylle.

©
Rolf Lüke, Blausand.de 2009. Alle Rechte vorbehalten.


Image


Bilder (von oben nach unten):



1. Formentera, Foto: Michael Römer
2. Formentera. Foto: Rolf Lüke
3. Platja Migjorn. Foto: Rolf Lüke
Image4. Beate Bernhardt auf Formentera (1998). Foto: Rainer Schnautz
5. Platja Migjorn. Foto: Rolf Lüke
6. Gedenken an Beate. Foto: Sandra Mielcke
7. "Sonne für Beate", Objekt von Schoppi (1940-2007). Foto: Rolf Lüke
8. "Sonne für Beate", Objekt von Max Bernhardt, Foto: Raphael Böckenholt
9. Blausand im Sand. Foto: Rolf Lüke
10. "Kranz für Beate". Foto: unbekannt
11. "Blue Beach Session". Bodypaintingprojekt gegen das Ertrinken, Formentera 2005. Foto: Ulli Muhl
12. Aktion 100EACHDAY, Mai 2008, Formentera. Foto: Martin Herrmann
13. Spellmann, Entlebucher Sennenhund. Foto: Rolf Lüke
14. Grab von Beate Bernhardt in Osnabrück 2009. Foto: Rolf Lüke
15. "Der Himmel stand still". Cover: Ulli Muhl

Buch "Geschichten über das Ertrinken"

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch "Geschichten über das Ertrinken", in dem Menschen (Betroffene, Augenzeugen, Angehörige und fast Ertrunkene) ihre Geschichte erzählen und über ihre Erfahrungen berichten. Autor und Herausgeber des 2010 erscheinenden Buchs ist Rolf Lüke, Gründer von Blausand.de, der nachweisen wird, dass die Zahl der Ertrinkungsopfer in Europa mit realisierbaren Maßnahmen um mindestens ein Drittel reduziert werden könnte.

Der Himmel stand still
Der Titel basiert auf dem Titel  Heaven stood still des im August 2009 verstorbenen Sängers und Songwriters Willy DeVille aus dem 1979 erschienenen Album "La Chat Blue".

Mails zum Thema "10 Jahre Blausand.de"

finden Sie  hier im Blausand.de-Gästebuch 2009

Dokumentation: Making of "100EACHDAY"
Zahlreiche Fotos der Blausand.de-Projekts "100EACHDAY" gegen das Ertrinken in Europa im Mai 2008 auf Formentera (Spanien) finden Sie hier auf der Webseite vom Piratabus, Formentera.

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