Test: Wie sicher sind türkische Badestrände?
ImageRolf Lüke von Blausand.de hat Ende August 2008 die Badesicherheit in der Türkei bewertet. Die Ergebnisse sind erschreckend. Zwei Teststrände wurden als gefährlich, einer als sehr gefährlich eingestuft. Öffentliche Badestrände sind fast nie bewacht. Aber auch in Deutschland gibt es ähnliche Mängel. 
Incecum Beach, türkische Riviera: Die Meldung

Ein 24 Jahre Jahre alter Mann und sein Bruder aus der Nähe von Gifhorn hatten im Reisebüro einen Urlaub am Strand von Incekum nähe Alanya gebucht. Am 7. April 2008 geht der 24-jährige im Meer schwimmen. Der Strand ist 25 Kilometer vom dem gebuchten Hotel entfernt, direkt neben dem Hotel Pegasos. Ein Parkplatz befindet sich vor der Straße. Von Unterströmungen ist den Urlaubern nichts bekannt. Einer der Brüder bemerkt plötzlich, dass der andere Schwimmer in Not ist und schwimmt mit noch zwei weiteren Freunden hinter ihm her. Fast hat er ihn, es fehlt nur ein kurzes Stück, ein Seil hätte wahrscheinlich gereicht. Die drei können nicht mehr retten. Rote Fahnen oder Rettungsschwimmer sind nicht vorhanden. Erst acht Tage später findet man den Leichnam.


Incecum Beach, türkische Riviera: Die Situation im August 2009


ImageNachmittags sind wir am Incecum-Beach. Dort, wo der Urlauber im April 2008 ertrunken ist. Es ist 17.30, drei Tage vor Ramadan. Der Beobachtungsturm  ist verwaist. Wir finden weder Warnhinweise, es gibt keine Rettungsmittel. Mindestens 500 Leute sind im Wasser und nochmal mindestens 1000 Menschen am Strand. An den benachbarten Hotelstränden gibt es zwar weniger Menschen im Wasser, dafür allerdings ist der Strand bewacht.

Besonders die Türken und die Russen müssen auf Sicherheit verzichten: Russen, weil sie, wenn sie Hauptklientel in den Hotels sind, keinen Wert auf Badesicherheit legen, dies einfach nicht kennen, und Türken, weil sie an die öffentlichen Strände gehen, die nicht bewacht sind, weil keiner das Geld dafür bezahlt.

Der 24-jährige hat dieses Unwissen mit dem Leben bezahlt. An dieser Stelle könnte der Unfall jederzeit wieder passieren. Besonders jetzt in der Hauptsaison.

Blausand.de-Bewertung: gefährlich


Oba, Alanya, türkische Riviera: Die Meldung

In dem zu Antalya gehörenden Bezirk Oba ist der 53-jährige gebürtige Irländer Liam Flanagan am Strand in der Ortschaft Oba ertrunken. Er war zusammen mit seiner Frau angereist, um seiner Schwester zum Kauf einer Ferienimmobilie zu gratulieren. Liam Flanagan und sein Schwager gingen am Strand von Oba ins Meer, um sich eine Abkühlung zu verschaffen. Plötzlich fing Liam Flanagan an, Wasser zu schlucken und ihm wurde schlecht. Am Strand versuchen die Anwesenden, ihn wiederzubeleben, jedoch bleiben die Versuche erfolglos.


Oba, Alanya, türkische Riviera: Die Situation im August 2009

ImageHinter dem Cleopatra Beach liegt Oba Beach. Wir sollen den Strand von hinten auf. Hier ist der Strand fast leer. Ali, nach seiner Zufriedenheit in der Strandbude befragt, bringt es auf den Punkt: "Tote Hose".

Richtung Alanya wird es zunehmend voller. Wir erreichen den Stadtteil Oba, sitzen da, wo Liam Flanagan ums Leben kam.

Schilder sind vorhanden, sogar mehrsprachig, in türkischer, englischer, russischer und deutscher Sprache.

ImageAber dass es hier gefährliche Strömungen gibt, die in den letzten Jahren immer wieder Urlauber und Einheimische ins Meer gezogen haben, steht ebensowenig auf den Warntafen wie die Notrufnummer, die besonders bei unbewachten Stränden obligatorisch sein sollte.

Michael, der türkische Playboy mit dem englischen Namen, der lange in Australien war, hat gerade heute morgen einen Vater mit Sohn, der in 50 Metern Entfernung einen Krampf bekam, dessen Vater um Hilfe schrie und sein Sohn 20 Meter von ihm entfernt war, in letzter Sekunde gerettet.

ImageJetzt fühlt sich Michael zu Recht wie der Engel von Oba. Den Rettungsring, der wohl vorher schon ins Museum gehört hätte, haben Vater und Sohn aus der Tschechoslowakei in ihrer Panik endgültig zerstört.

Wir sitzen an der Strandbude Nummer 9.

Der Steg ist mit Fahnen versehen, rot, gelb, weiß, dazu die türkische Nationalflagge und eine weiße Flagge mit Hotelwerbung.

Fragen im Restaurant, was sie bedeuten sollen, auch der Besitzer hat keine Ahnung, was sie bedeuten sollen. Die Flaggen, sagt Michael, hängen immer da. Strandbewachung? "Solange ich da bin", sagt er "brauchen wir keine Retter".

Michael ist aber nur selten da.

Blausand.de-Bewertung: gefährlich


Eine beschwerliche Tagesreise mit über 40 Grad Außentemperatur führt uns nach Dalyan, weil hier am nahegelegenen Strand von Iztuzu ein Deutscher ertrunken ist.


Iztuzu, Dalyan: Die Meldung

Andreas Krohm bucht bei Ögertours für sich und seinen Freund einen 3 Wochen-Urlaub in Daylan. Am Vormittag des 6. Oktober 2008 wollen sie schwimmen gehen, entfernen sich in entgegengesetzte Richtungen. Plötzlich spürt der Freund von Andreas Krohm eine starke Unterströmung. Er ruft seinem Freund noch zu, dass er zurückkommen soll und rettet sich mit großen Anstrengungen an den Strand. Via Handy will er Hilfe anfordern. Aber das Handy versagt. Er rast dorthin, wo er vorher mal ein Boot gesehen hat. Hochsitze mit Rettungsschwimmer gebe es laut Aussagen des Überlebenden am Strand von Iztuzu nicht. Mit einem Boot fährt er und ein Türke auf das Meer, in die Richtung, wo er seinen Freund zuletzt gesehen hat. Aber dieser ist nicht zu finden. Sie wollen eigentlich zurückkehren, fahren dann doch weiter hinaus, und finden Andreas Krohm etwa 2,5 Kilometer vom Strand entfernt auf dem Wasser liegend. Am Strand versuchen Retter vergeblich, Andreas Krohm durch Wiederbelebungsversuche zurück ins Leben zu holen. Er wurde 46 Jahre alt.


Iztuzu, Dalyan: Die Situation im August 2009

ImageEnde August 2009: Mehr Hochsaison geht nicht.

Wir fahren mit dem Schiff über den Fluss zum Iztuzu-Strand und wollen wissen, wie und wo der deutsche Urlauber hier im Oktober 2008 im Alter von 46 Jahren ertrunken ist.

Von unserem Hotel Dalyan Resort, das einen direkten Bootsanleger am Fluss hat, geht es eine knappe Stunde zum Strand Iztuzu, der vor allem als Brutplatz der seltenen Meeresschildkröte "Caretta-Caretta" bekannt ist. Noch zwei Tage bis Ramadan. Die Fahrt ist ein reines Naturschauspiel. Wir fühlen uns wie in Florida. Wenn jetzt urplötzlich ein Krokodil auftauchen würde: es passte.

ImageDas erste, was wir hier am lang gezogenen Naturstrand mit Tausenden von Besuchern registrieren, ist ein leerer Beobachtungsturm, wie so oft in den letzten Tagen.

Wenig später simulieren wir dann eine Situation, die nichts mit Traum, vielmehr mit Alptraum zu tun hat. . Wir stellen uns vor, im Wasser sei eine Person von uns entdeckt worden, die um Hilfe ruft. Wir sind gefordert, brauchen Hilfe, suchen Möglichkeiten der Hilfe, der Alarmierung, der Rettung. Nicht für Meeresschildkröten, für Menschen.

Aber wohin? Wir rennen von Bude zu Bude, fragen nach Rettungsschwimmern, in deutscher und englische Sprache, werden von Bude zu Bude weitergereicht, zuletzt ist eine weisse Holzbude mit einer weissen Flagge unsere vierte Anlaufstation. "Wo geht es zu den Rettungsschwimmern???" Der nette, aber offensichtlich Imagenicht sehr kompetente Mann fragt, ob wir ein Problem mit Schildkröten hätten und verweist uns seinerseits an ein etwa 200 Meter entferntes Restaurant, in dem wir aber alles ausser einem Rettungsschwimmer finden.

Vermutlich sind 800 Menschen im Wasser, Tausende am Strand. Der Fluss, der ins Meer fließt, stellt eine spezielle Gefahr durch Strömungen in Richtung Meer dar. In eine dieser Wasserbewegungen ist Andreas Krohm gekommen und dabei ertrunken.

Der öffentliche Naturstrand hat - so erfahren wir später - eine kleine Erste Hilfe - Station, im Alarmfall müsste ein Halbertrunkener über den Wasserweg in das Krankenhaus nach Dalyan gebracht werden.

Mit welchem Schiff? Ist es schneller als die Ausflugsboote, die wir von der Anfahrt kennen? Kein Mensch kann uns dieses Wasserfahrzeug zeigen.

Blausand.de-Bewertung: sehr gefährlich


Zusammenfassung:

Die drei getesteten Strände erhielten in zwei Fällen die Bewertung gefährlich (Incekum und Oba an der türkischen Riviera zwischen Antalya und Alanya) und in einem Fall die Bewertung sehr gefährlich (Iztuzu bei Dalyan).

Generell können Sie an türkischen Stränden nur dann mit Bewachung rechnen, wenn es sich um Hotelstrände handelt. Die öffentlichen Strände (auch als Naturstrände bezeichnet) sind grundsätzlich nicht bewacht, weil die Kosten für die Bewachung nicht übernommen werden. Rip-Strömungen können auch in der Türkei überall, zu jeder Jahreszeit und auch im Sommer bei vermeintlich schönem Badewetter mit heißen Luft- und Wassertemperaturen auftreten.

Blausand.de-Tipp für den Badeurlaub in der Türkei:

Verantwortlich für Badesicherheit im Meer sind auch in der Türkei die Kommunen. Aber die Reiseveranstalter sollten das Thema nicht zum Tabu erklären. Beim Studium der Reiseveranstalter- Infomappen im Hotel fällt auf, dass nur TUI auf die Gefahren des Meeres hinweist, während wir in der Mappe von Öger Tours, immerhin größter Türkei-Reiseveranstalter, viel über Mustafa Kemal Atatürk und türkische Musik erfahren, aber nichts über sicheres Baden finden.

Fragen Sie bei Ihrer Reiseleitung, im Hotel und bei den Restaurants am Wasser nach möglichen Gefahren, schwimmen Sie nicht allein und nur an bewachten Stränden.

Nebenbei bemerkt:

In Deutschland ist die Situation nicht so viel anders. Wenn in der Türkei öffentliche Strände sicherheitstechnisch vernachlässigt werden, weil es hier keine Hotels gibt, die die Bezahlung des Bewachungspersonals sicherstellen, sind es in Deutschland die Risikobadestellen Seen und Flüsse im Binnenland. Auch diese sind in den meisten Fällen nicht bewacht, weil Besucher hier im Gegensatz zu Nord- und Ostsee keine Kurtaxe zahlen, mit der die Wasserretter finanziert werden und die Kommunen die Kosten scheuen.

Das wiederum macht das Risiko in der Türkei auch nicht geringer.

© Blausand.de 2009

Links zum Thema:
Blausand.de: Badesicherheit an der Türkischen Riviera (2004)
Blausand.de: Der Unfall von Liam Flanagan in der Türkei

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