| Mallorca 2009: Das Risiko schwimmt mit... |
![]() Anfang September 2009 auf Mallorca. Die Sommerferien 2009 sind jetzt auch in Bayern zu Ende. Bis zu den Herbstferien in Deutschland wird das Durchschnittsalter der Urlauber deutlich steigen. Ist das der Grund für die vielen Badeunfälle zum Ende der Saison? Die Balearenregierung konnte mit den Unfallzahlen im letzten Jahr
relativ offensiv umgehen. "Nur" 15 tödliche Badeunfälle auf allen vier
Urlaubsinseln Mallorca, Ibiza, Formentera und Menorca - das hatte es
noch nie gegeben. Ein historisches Tief.
Was dann aber allein auf Mallorca innerhalb von gut zwei Wochen passierte, machte eine ähnliche Meldung für 2009 schnell wieder zunichte. Insgesamt 12 Menschen, so ermittelte kürzlich die Deutsche Presse Agentur (DPA) in Madrid, ertranken innerhalb weniger Tage. Meist kamen die Opfer aus Deutschland und meist waren es ältere männliche Urlauber, die ums Leben kamen. Im Rahmen einer europäischen Risikobewertungsstudie, die zur Zeit
erstellt wird, besuchte Blausand.de Badestrände auf Mallorca.Das Fazit der Strandchecks und gleichzeitig der Versuch, die Häufung von Badeunfällen zu erklären: Es gibt auf Mallorca zu wenig Rettungsschwimmer, die besonders zum Ende der Saison die trotz Rückgang der Urlauberzahlen gut besuchten Strände bewachen. Hinzu kommt, dass insbesondere ältere Urlauber (und das trifft natürlich nicht nur auf Mallorca zu) viel zu wenig Informationen über die Hauptgefahren beim Baden und Schwimmen erhalten. Nur in seltenen Fällen hat Blausand.de Warntafeln an Mallorca-Stränden registriert, die explizit auf die gefährlichen Rip-Strömungen aufmerksam machen. Und - was genauso wichtig ist - Urlauber darüber informieren, wie sie sich in einer Strömung verhalten sollen: nicht gegen die Wasserbewegungen ankämpfen, treiben lassen, auf sich aufmerksam machen, und möglichst in Ruhe und ohne Angst und Panik an den Strand zurück schwimmen. Cala Mesquida Wir fahren an die Cala Mesquida, die idyllische Bucht an der
Nordostspitze. Hier sind an den letzten beiden Wochenenden gleich 2
Menschen ertrunken. Die Buchten an der Nordostküste gelten als
strömungsintensiv und gerade deshalb und wegen der jüngsten
Ertrinkungsunfälle rechne ich mit guter Bewachung.
Die Gemeinde Capdevera betreut neben Mesquida noch vier weitere Strände. Insgesamt gibt es 14 Rettungsschwimmer. 2 Brüder aus Uruguay, einer von beiden heisst Matthias, haben hier Dienst. Es hängt die gelbe Flagge. Um 13.30 kommt Matthias von seinem Beobachtungsposten an den Strand,
stellt die rote Flagge direkt in den Sand und bereitet die Absperrung
des mittleren Strandabschnitts vor. Genauso, wie es in den letzten
beiden Tagen - aber erst nach den beiden tödlichen Ertrinkungsunfällen - geschehen ist.
Alle Schwimmer, Senioren, Familien, Kinder, bleiben aber im Wasser. Matthias und sein Bruder machen auch keine Anstrengungen, die Urlauber aus dem Wasser zu pfeifen. Warum sollten Sie das Wasser auch verlassen: Vorne rot, hinten bleibt gelb - das ist so, als wenn die Ampel an der Kreuzung permanent rot und gelb zeigen würde. "Strafen" sagt Matthias; "könnten wir auch gar nicht verhängen. Dazu brauchen wir die Policia Local. Das Dilemma wird klar. Überall Rot, und das wäre eigentlich die einzige
Konsequenz in dieser riskanten Bucht, würde die Urlauber nicht nur aus
dem Wasser, auch vom Strand, aus den Strandbuden und langfristig
auch aus den Hotels vertreiben. Deshalb gibt es jetzt zwei Flaggen, was allerdings für Irritation bei den Urlaubern sorgt: Darf man nun ins Wasser oder darf man nicht? Wenn hier alles dicht gemacht werden würde, kommen die Urlauber nicht wieder, leidet die Tourismusindustrie vielleicht noch mehr. Zu Schweinegrippe, Wirtschaftskrise, Terror kämen dann noch Badeverbote und abgesperrte Strände. 1500 Menschen am Strand, 500 im Wasser, 2 Rettungsschwimmer: es müssten bei den Risikobedingungen mindestens 4 socorristas sein, zumal der Strand am Ende der Welt liegt und -- wie Matthis berichtet-- es einmal eine Stunde gedauert hat, bis der Helikopter auf dem Plateau am Berg gelandet ist, nachdem ein Schnorchler verunglückt und inzwischen gestorben war. "Für 1000 Euro im Monat und einen weiteren Rettungsschwimmer", sagt uns ein Mitarbeiter in einem der Strandrestaurants, "spielt die Gemeinde mit dem Leben der Urlauber". In einem Erste Hilfe-Raum befindet sich ein Defibrillator und es werden auch Warnschilder vor den Strömungen aufgestellt. Allerdings erhalten Sie keine Hinweise, wie sich Urlauber in einer Strömung verhalten sollten. Später werden die beiden Retter einen Teil des Strandes mit einem Band absperren.. Inzwischen mehren sich auf Mallorca Stimmen zu Defiziten bei der Überwachung, zur Ausbildungsqualität, die in der Tat (auch wenn man nicht mit Deutschland vergleicht) mit 10 Stunden für die Poolbewachung und mit einem Monat für die Bewachung des Strandes eher zu kurz sein dürfte. "In Uruguay", sagt Matthias, "werden die Rettungsschwimmer 2 Jahre lang ausgebildet". Cala Millor Wir fahren zur Cala Millor. Auch in der lang gestreckten Bucht , es ist 16 Uhr am Nachmittag, sind an den letzten beiden Wochenenden 2 Menschen ertrunken. An einem der Eingänge sind auf einer Tafel drei Flaggenfarben erklärt:
grün, gelb und rot. Ich entschließe mich zu einem ausführlichen Check
und lasse mir dafür fast 90 Minuten Zeit, versuche, mir in dieser zeit
vorzustellen, wie lange es im Falle eines Falles vom Erkennen eines
Unfalls über die Alarmierung der Wasserretter bis zum Eintreffen
professioneller Hilfe dauern würde.
In der gesamten Bucht registriere ich fünf Bewachungstürme. Vier davon sind gelb geflaggt, einer mit zwei Flaggen in Gelb und in Orange. Orange? Keiner kennt die Flagge, viele halten orange für Rot. Die erstaunliche Bedeutung: Orange bedeutet, dass die Rettungsschwimmer abwesend sind und der Turm nicht bewacht ist. Im September gibt es deutlich mehr ältere Menschen am Strand als im Juli und im August während der Sommerferien. In den 90 Minuten unserer ausführlichen Strandwanderung sehen wir 2 Rettungsschwimmer, die den Strand auf- und abgehen, allerdings keine Rettungsboote und 2 unbewachte Rettungstürme. Für eine schnelle Alarmierung und eine schnelle Rettung ist das - besonders für die Risikogruppe der Senioren und für den vollen weitläufigen Strand mit Tausenden von Menschen - viel zu wenig Präsenz. Playa de Palma Zwischen der Platja de Ca`n Pastilla und dem Claub Nautico del Arenal
suchen wir die Ballermänner, die hier offiziell Balnearios heißen. Wir
wollen wissen, ob die Badeunfälle, die hier immer wieder geschehen, auf
Leichtsinn, zu späte Rettung, riskante Strömungen, zu volle Badestrände
oder auf alkoholisiertes Verhalten zurückzuführen ist, wollen wissen,
was man hier verbessern könnte.
Der erste Eindruck: Die in Abständen vorhandenen Wachtürme sind von zwei Ausnahmen abgesehen besetzt. Aber professionelle Strandbewachung besteht nicht nur aus Präsenz auf den Wachtürmen, sondern vor allem aus einer Kombination von Beobachtungsaktivitäten, zu denen Wachgänge, Gespräche mit Urlaubern, Beobachtungsfahrten vom Wasser aus mit Unterstützung von Rettungsbooten und Jetski gehören. Von diesen wichtigen Maßnahmen können wir bei unseren ausführlichen Beobachtungen am weitläufigen Hausstrand von Palma nichts entdecken, während sich gleichzeitig Gruppen mit jüngeren Urlaubern und Kegelclubs mit reichlich Alkohol, der aus großen Spüleimern und langen Trinkhalmen (in den Supermärkten am Strand für Aktionspreise zu erwerben) konsumiert wird, schon am frühen Nachmittag die "Kante geben". Die Kombination aus Alkohol und Wasserspaß ist ein völlig unterschätztes Risiko. Der Kreislauf spielt
verrückt, der aufkommende Leichtsinn verhindert das Erkennen der
Gefahren.Es gibt an der Playa de Palma im Vergleich zu den anderen abgelegenen Ständen Mallorcas einen Vorteil im Falle eines Falles: Eine Rettungsstation und mehrere Rettungsfahrzeuge befinden sich direkt am Strand, die durch die Strasse parallel zum Strand eine relativ zügige professionelle Rettung ermöglichen. Wenn allerdings der Kreislauf bei alkoholisierten oder älteren, gesundheitlich vorgeschädigten Urlaubern kollabiert, wird es schwierig. copyright Blausand.de 2009 Die Strandrecherchen von Blausand.de wurden für das Projekt "Blausand.de Risk-Assessment" durchgeführt. Im Rahmen dieses Projekts werden insgesamt 80 populäre europäische Badestrände bewertet. Die Veröffentlichung ist für 2011 vorgesehen. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem jahr auf Mallorca gemacht? Bitte senden Sie Ihre Eindrücke an |
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