Meer
ImageDer Grund für achtzig Prozent aller Rettungseinsätze am Meer sind Unterströmungen, vor denen viel zu selten gewarnt wird. Sie sind von Urlaubern nicht zu erkennen und können überall, zu jeder Jahreszeit und auch bei scheinbar gutem Wetter auftreten.

Obwohl an bewachten Stränden durch "Rote Flaggen" vor den "unsichtbaren Killern" gewarnt wird, ignorieren viele Urlauber die Hinweise und gefährden dabei sich und andere Menschen. Schürt das High-Gefühl den Leichtsinn? Warum gehen Urlauber bei "Roter Flagge" baden?


Formentera, Platja Migjorn, Herbst 2001. Ein deutscher Urlauber schwimmt an der gefährlichsten Stelle der Insel raus aufs Meer. Die Rettungsschwimmer beobachteten den Schwimmer und versuchen, ihm mit Pfeifen und Gesten klar zu machen, dass er sich in grosser Gefahr befindet. Der Mann zeigt keine Reaktion. Er schwimmt immer weiter hinaus, lässt sich treiben, kommt zurück, um sich wieder von der Strömung hinaus treiben zu lassen. Die Rettungsschwimmer gestikulierten immer mehr, während der Deutsche ihnen einen Vogel zeigt und mit dem Arm ein Zeichen macht: Wenn sie was von ihm wollen, sollen sie zu ihm kommen.
Die Rettungschwimmer greifen zum letzten Mittel. Sie holen den Schwimmer an beiden Seiten am Arm haltend heraus, dabei werden sie von ihm auf das Böseste beschimpft. Er mache das grundsätzlich immer so, sagt er später mit voller Überzeugung den Beobachtern am Strand.Die rote Flagge ist deutlich sichtbar gehisst.ImageValencia, Costa Azahar, Spanien, Juli 2002. In dieser Region sind seit Beginn der Saison im Juni schon jetzt zwanzig Menschen ertrunken. Letztes Jahr gab es in den Monaten Juni, Juli und August insgesamt 16 Opfer. Um dem drastischen Anstieg der Ertrinkungsunfälle Herr zu werden, werden ab sofort diejenigen, die den Anweisungen der Rettungsschwimmer nicht folgen und bei roter Flagge ins Meer gehen, zur Kasse gebeten.Drei Urlauber zahlen am folgenden Tag insgesamt 450 €.Bad Homburg, Januar 2002. Das Amtsgericht verhandelt die Klage deutscher Urlauber auf Minderung des Reisepreises gegen ihren Reiseveranstalter. Während ihres Urlaubs auf der Insel Kuba, auf der es ein vorbildliches Rettungswesen gibt, war an einem öffentlichen Badestrand die rote Flagge gehisst. Schwimmen war verboten.Das Gericht weist die Klage als unbegründet ab.Formentera, Llevante-Strand, 1. Juli 2002, nachmittags um 17.20. Der Franzose Henry Arvopooli, 52 Jahre alt, der seinen Urlaub mit seiner Familie auf Formentera verbringt, geht bei starkem Wellengang und auflandigem Wind schwimmen und wird wenig später leblos aus dem Wasser geborgen. Versuche zur Reanimation durch das Rote Kreuz und durch die herbeigerufenen Rettungssanitäter sind erfolglos. Henry Arvopooli ist durch die starke Unterströmung herausgezogen worden und ertrunken.Er hätte um die Gefahr wissen müssen, keine 150 Meter vom Unglücksort entfernt ist eine rote Flagge deutlich zu sehen.ImageObwohl dieser und andere Strände von Formentera mit ihren berüchtigten Unterströmungen gefährlich sind und die Gefahren in den letzten beiden Jahren für Urlauber durch Warnhinweise sichtbar werden, gehen bei roter Flagge immer wieder Badende ins Wasser, springen in die Wellen, allein, auch mit ihren Kindern, mit vollem Magen, leicht oder schwer alkoholisiert.Situationen dieser Art gibt es nicht nur auf Formentera. Auch dann, wenn die Warnhinweise an Europas Badestränden eindeutig sind, die roten Flaggen sichtbar gehisst und Urlauber durch Reiseveranstalter vor Strömungsgefahren gewarnt werden, gehen viele Urlauber ins Wasser und riskieren ihr eigenes Leben und das der anderen Urlauber. Warum?An den Unfällen mit europaweit etwa 50.000 Ertrinkungsopfern im Jahr haben die Unfälle an Badestränden einen erheblichen Anteil. Dabei könnten vier von fünf der tödlichen Unfälle nach Meinung der Experten beim kürzlich zu Ende gegangenen Kongress gegen das Ertrinken in Amsterdam durch vernünftigeres Verhalten und durch Sicherheitsmassnahmen verhindert werden.

Am 17. Juli 2002 feiert Barbara Jo-Ann Hüls aus Stuttgart zum 21. Mal ihren zweiten Geburtstag.

Image Vor 21 Jahren war sie eigentlich schon ertrunken. "Ich machte Wellenhüpfen, hatte plötzlich keinen Boden mehr unter den Füssen und wurde ins Meer hinausgetrieben. Meine Familie (mein Mann, meine kleine Tochter, damals 4 Jahre alt, meine Schwiegermutter) lagen am Strand und ich sah sie vom Meer aus und es schoss mir durch den Kopf "da liegt deine Familie ganz friedlich und merkt nicht, dass du hier ertrinkst." Mein Leben lief wie ein Kurzfilm ab. Ich kämpfte gegen die Wellen, merkte nicht mehr, was oben und unten war im Wasser. Machte den Mund zur falschen Zeit auf, um Luft zu holen und schluckte Wasser. Sah nur noch Wellen, Wellenwirbel und Himmel. Dann schwamm mein Mann auf mich zu - er ist zum Lebensretter ausgebildet. Als er bei mir angelangt war, sah ich aschgrau aus und hatte weit aufgerissene Augen, Todesangst (das hat er mir dann später erzählt). Ich wusste nicht mehr, ob ich Luft atme oder ob ich Wasser schlucke."

Nach Meinung von Experten scheinen Hochgefühl im Urlaub und das im Alltag vorhandene Verantwortungsgefühl nicht zusammen zu passen. Es gibt kaum eine andere Lebenssituation als die im Urlaub, in der Gefahr und Tod so wenig Platz haben. Andererseits ist das Risiko gerade in den schönsten Wochen des Jahres eine Realität.

"Was lässt uns", so schreibt die Münchener Reisejournalistin Claudia Diemar, "mit überhöhter Geschwindigkeit in Nebelbänke rasen, die Warnschilder für Wohnwagengespanne im windgebeutelten Süden Frankreichs missachten, in riskanten Situationen überholen? Fern dem Alltag glauben wir uns mit magischen Kräften behaftet. Wir haben Sehnsucht nach Intensität. Der schnelle Wechsel in anderes Klima, andere Landschaften lässt uns wie Helden eines Films sein. Wir wollen die Elemente spüren: die Hitze, die Kühle des Meeres, die Luft der Gipfel. Wir wollen Grenzen ausloten."

"Warum sonst", so Claudia Diemar weiter, "radeln biedere Beamte durch die Sahara, durchqueren Durchschnittsbürger das Packeis, wollen Angestellte auf Achttausender? Je mehr wir uns spüren, desto näher scheinen wir der Unsterblichkeit. "

In einem Interview mit der "Zeit" anwortet Karl Born von der Fachhochschule Harz in Wernigerode auf die nach dem 11. September 2001 gestellte Frage, warum man reist, wenn denn alles so gefährlich sei? "Weil wir einerseits denken, dass uns selbst nichts geschieht, und andererseits fatalistisch denken: wenn es passieren soll, kann es überall passieren."

Im Juni 2001 schreibt ein Formentera-Urlauber: "Trotz Bojen, Absperrung für Schwimmer und roter Flagge mussten einige Idioten ins Wasser gehen und sogar über die Absperrung hinaus schwimmen. Das Rote Kreuz hat zehn Leute mit dem Boot wieder an Land gebracht und hat die Leute im Wasser aufgefordert, rauszugehen, was mit "Vogel zeigen" und verbalen Beleidigungen quittiert wurde. Schade, dass, um solche Idioten zu retten, andere Personen ihre Rettungsversuche mit dem Leben bezahlen müssen. Ich für meinen Teil habe dieses Thema für mich abgeschlossen. Für solche Unverbesserlichen ist jede Bemühung verlorene Zeit. Mit Grüssen und Wut im Bauch."

ImageWie können sich Urlauber, wenn sie wollen, über Gefahren im Urlaub informieren? Die Gefährdungslage in Europa, so sagen die meisten Reiseveranstalter unisono, sei minimal. Gezeigt werden oft nur "sonnendurchflutete, ruhige und preiswerte Paradiese". Dass an europäischen Badestränden in einigen Ländern oft diffuse Warnsysteme an der Tagesordnung sind, belebte und gefährliche Strände in der Hochsaison erst - wie in diesem Jahr auf der Insel Formentera - erst ab 11.30 Uhr bewacht werden und trotz der neuen Touristensteuer auf den Balearen zu wenig Geld für den Einsatz der Rettungsmannschaft zur Verfügung steht: Damit muss man (über)leben.

Wichtigstes Kriterium für die Reiseanbieter bei der Einschätzung von Gefährdungen für Bundesbürger sind die Hinweise des Außenministeriums, das Sicherheitsinformationen zu über 170 Ländern zur Verfügung stellt. So wird für die Dominikanische Republik auf Gesundheitsrisiken hingewiesen, aber auch auf vereinzelte Vergewaltigungen. Für Spanien wird vor ETA-Bomben und Überfällen auf Autobahnen gewarnt, auf Korsika vor Einbrüchen und in Kroatien vor Landminen. In Russland seien Diebstähle, Schlaglöcher und Fahrten in den Kaukasus gefährlich.

"Es ist unbedingt notwendig, sich als Tourist vor der Reise über Risiken selbst zu informieren", sagt Erwin Seitz, Professor für Tourismusmarketing in München. Die Tipps des Auswärtigen Amtes könnten nicht als verbindlich gelten. Ein Beispiel dafür: Die Behörde in Israel habe - ungeachtet der instabilen Lage vor Ort - keine Reisewarnung ausgegeben. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Erwin Seitz fordert deshalb: "Die Veranstalter müssen Risiken künftig offener ansprechen und Gefahrenvorkehrungen einplanen."

ImageAuf einen Aspekt macht Heinz Fuchs von "Tourism-Watch" aufmerksam: "Touristen müssen wissen, dass sie zu realen Menschen in einer realen Umgebung fahren." Aber Nüchternheit und Urlaub, passt das? Mit der ganzen Vorfreude, in einer seltenen Ausnahmesituation, möglichst ohne Kontrolle, aber abenteuerlich und mit dem "Sorglospaket" im Gepäck und im Gefühl? So absurd dies klingen mag: Das Unglück kommt häufig, wie am Traumstrand, in geradezu "wunderschönen" Situationen. Das Wasser, der warme Wind, die geilen Wellen sind paradiesisch, paradiesisch gefährlich.

Beim Autofahren ist das anders, du hast wenigstens manchmal ein Gefühl von Risiko im Hinterkopf. Wenn du bei roter Ampel erwischt wirst, kostet das Geld und Punkte. Wenn du betrunken fährst, kostet das deinen Führerschein. Wenn eine Lawine Opfer fordert, steht das morgen in allen Zeitungen, erst recht, wenn dich am Barrier Reef in Australien der Hai erwischt, dich der Blitz auf der Wiese oder eine Kokosnuss auf Bali erschlägt.

Einsam zu ertrinken, ist wenig spektakulär.

Welche Beobachtungen haben Sie im Urlaub gemacht? Wie ist Ihre Meinung zu Strafen für Urlauber, die trotz roter Flagge an den Badestränden ins Wasser gehen und die Anweisungen der Rettungsschwimmer ignorieren? Ist jeder für sich verantwortlich, sollten Urlauber nicht wenigstens im Urlaub in Ruhe gelassen werden? Ihre Meinung ist gefragt und wird erbeten an

 


 


 
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