Badeseen
477 Menschen ertranken 2005 in Deutschland. Drei von vier Menschen ertranken in (fast immer unbewachten) Binnengewässern.  Badeunfälle in Deutschland sind 2005 gegenüber dem Jahr 2000 um fünfzig Prozent gestiegen. Blausand.de versucht, die Gründe für diese dramatischen Zahlen herauszufinden.


ImageNachdem Mitte Juli 2004 ein 5-jähriges Mädchen in einem unbewachten Badesee bei Leer (Ostfriesland) ertrinkt, weist die zuständige Gemeinde auf Schilder mit der Aufschrift "Baden auf eigene Gefahr" hin und erklärt, man habe sich wegen des unebenen Geländes gegen eine Badeaufsicht entschieden und die Finanzierung eines Rettungsdienstes sei sowieso nicht möglich gewesen. Die Begründung ist ungewöhnlich, aber ein unbewachter Badesee in Deutschland ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Während in Deutschlands Schwimmbädern Bademeister vorgeschrieben und die Küsten an Nord- und Ostsee vergleichsweise gut gesichert sind, ist eine Badeaufsicht an Deutschlands Binnen- und Baggerseen, Flüssen und an den besonders in Ostdeutschland oft zum Baden genutzten gefluteten Tagebaugewässern nur selten vorhanden.

ImageNach Angaben der DLRG ertranken im vergangenen Jahr 477 Menschen in Deutschland - 7 Menschen mehr als im Jahr 2004, obwohl das Wetter im Jahr 2005 besonders schlecht war.

In der Altersgruppe der 6-  bis 20 - jährigen stieg  im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Ertrinkungstoten um die Hälfte, 63 Opfer im Vergleich zu 41 im Jahr 2005. Auch  immer mehr ältere Menschen ertrinken: 115 Ertrinkungsopfer waren älter als 66 Jahr, 33 Ertrunkene älter als 81.

Seit Jahren fast unverändert ist der alarmierende Zahl  von tödlichen Unfällen in deutschen Badeseen und Flüssen, die  fast immer unbewacht sind. In diesen Gewässern ertranken 351 (!) Menschen  - seit Jahren sterben hier drei von vier Opfern. Besonders tückisch sind der Rhein (24 Ertrunkene),  die Elbe (13 Opfer) und der Main (7 Ertrunkene). Nord- und Ostseeküste gehörten - so die DLRG -  mit insgesamt 22 Ertrunkenen wegen der guten Bewachungssituation zu den sichersten Gewässern.

Wer ist verantwortlich? Wir nicht!

ImageFür die Sicherheit an Badeseen gibt es bisher keine einheitlichen Regelungen auf Bundesebene und vor allem keine klaren Verantwortlichkeiten. Nach dem "Verursacherprinzip" sollen sich die Gemeinden darum kümmern, die wiederum in vielen Fällen ihre Verpflichtung zur Bewachung und Sicherung von Badeseen vernachlässigen und die Verantwortung an oft ahnungslose Urlauber, Kinder und deren Eltern delegieren.

Das Aufstellen von Badeverbotsschildern, die viel zu oft ignoriert werden, stellen wegen leerer Kassen vielfach die einzige, allerdings fragwürdige Möglichkeit für viele Kommunen dar, sich schadlos zu halten. Schilder wie "Baden auf eigene Gefahr" und "Eltern haften für ihre Kinder", eigentlich mehr als berechtigt, sind aber kein geeignetes Mittel für mehr Badesicherheit.

Es gibt wenig vergleichbare Bereiche in Deutschland und Europa, in dem die Verantwortung so verantwortungslos delegiert wird wie bei der Badesicherheit und damit die Grenze von fahrlässigem Verhalten deutlich überschreitet.

Denn eindeutig zuständig sind die für die Badesicherheit verantwortlichen Gemeinden in Deutschland als Eigentümer der Badegebiete.   

Und die Kommunen würden ihre so genannte "Verkehrssicherungspflicht" nur dann wahrnehmen, wenn Badestellen entweder wirksam abgesichert oder Rettungsdienste mit der Badeaufsicht beauftragt werden - ein gefährliches Dilemma.

Immer weniger Rettungsschwimmer

ImageEs gibt in Deutschland immer weniger Rettungsschwimmer - vor allem an den Hauptgefahrenstellen Binnenseen und Flüssen.
 
Die Motivation junger Leute, Pflichtgefühl anstelle von oft vermisstem "Hi-Gefühl" reichen nicht mehr aus, sich gegen eine geringe Aufwandsentschädigung während der Ferienmonate am Rettungseinsatz zu beteiligen. Trotzdem setzen die deutschen Rettungsorganisationen (im Unterschied zur Wasserrettung in anderen Ländern) nach wir vor auf Freiwilligkeit und muss damit in Kauf nehmen, daß die Zahl der Wasserretter und die Bewachungszeiten reduziert werden, während Eltern ihre Kinder gleichzeitig in trügerischer Sicherheit wähnen.

Oft sind deshalb die Rettungsdienste - wenn überhaupt - nur an Wochenenden und Feiertagen sowie während der Schulferien vor Ort. "Die Badeunfälle", so sagt der Leiter einer Wasserwacht in Sachsen, "halten sich aber oft nicht an diese Zeiten".

ImageDer rapide Anstieg der Opferzahlen hat auch mit der steigenden Zahl von Nichtschwimmern und der Umwandlung von öffentlichen Schwimmhallen in Spassbäder zu tun. In "bewegungsarmen" Zeiten von Fernseh- und Computerlandschaften lassen Eltern ihre Kinder oft nicht mehr am Schwimmunterricht teilnehmen. Eine gefährliche Entwicklung für Kinder, bei denen der Ertrinkungstod die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen darstellt. "Mit den Schwimmkisten der sechziger und siebziger Jahre", so ein Verbandsprecher des Bundesverband öffentliche Bäder, "können Sie Kinder heute nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken".

Wie aber sollen Kinder in Spassbädern zwischen Riesenrutschen, Wasserfällen und Felslandschaften schwimmen lernen? In Düsseldorf ist nach Einschätzung der Düsseldorfer Sportwissenschaftlerin Lilli Ahrendt jeder vierte Schüler einer vierten Klasse ein Nichtschwimmer.

Auch dem Schwimmunterricht erteilen Verbände und Institutionen oft schlechte Noten. "Die Qualität", sagt der Geschäftsführer vom Schwimmverband Sachsen-Anhalt Klaus Gatter, "hat deutlich nachgelassen. Oft stehen am Beckenrand Grundschullehrer, die sich zwar die größte Mühe geben, aber die Methodik des Schwimmens kaum oder gar nicht beherrschen." Für die Fortbildung der Lehrkräfte stellt das Land Brandenburg magere 10.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Die Folgen sind mehr Nichtschwimmer und steigende Unfallzahlen.

ImageZum Beach Safety Day 2006 am 15. Juni 2006 fordert Blausand.de deshalb von den Verantwortlichen, die Attraktivität der Aufgabe als Rettungsschwimmer in der Öffentlichkeit durch verstärkte Maßnahmen in Kooperationen mit Medien, Unternehmen und Organisationen bewusster zu machen.

Auch die täglichen Bewachungszeiten an Badestellen müssen bedarfsorientiert sein und die personelle Präsenz über die Ferienwochen hinaus verstärkt werden und die finanziellen Bedingungen für die freiwilligen Rettungsschwimmer müssen verbessert werden.

Durch Ratlosigkeit und Sparmaßnahmen wird man dem "nassen Tod" nicht wirksam begegnen können. Um die hohen Ertrinkungszahlen an Badessen und Flüssen zu reduzieren, wären neue Freizeitkonzepte und gesetzliche Regelungen, die Gemeinden und Betreiber an den Badestellen verpflichten müssten, einen Wasserrettungsdienst zu stellen und besser über Badegefahren zu informieren, dringend notwendig und längst überfällig.

Angesichts der hohen Zahl von Opfern in deutschen Binnengewässern ruft die DLRG jetzt wieder nach "genauen Gefahrenanalysen" durch die Kommunen in Deutschland.

Aus unserer Sicht ist dies eine zum Scheitern verurteilte Forderung.

Vielmehr müsste die größte Wasserrettungsorganisation der Welt Gemeinden, Landkreisen und Dienstleistern die notwendigen Konzepte und  Instrumentarien aktiv zur Verfügung stellen, wie von Blausand.de seit langen Jahren gefordert wird.

Auch Konzepte dahingehend, den "Beruf" des Rettungsschwimmers bei ständig sinkendem Interesse attraktiver zu machen, scheinen weiterhin Mangelware zu sein.

Und: Der Zusammenhang zwischen Schwimmfähigkeiten, Bewachungssituation und Ertrinkungsunfällen müsste nicht nur behauptet, sondern viel gründlicher erforscht werden: Eine Anfrage von Blausand.de, wieviel der Ertrinkungsopfer 2004 Nichtschwimmer waren und  wie hoch der Anteil der unbewachten Badestellen an den Unfallorten des Jahres 2004 war, konnte seitens der DLRG nicht beantwortet werden.

Wie die DLRG die eigene Zielsetzung, bis zum Jahr 2020 die Zahl der Ertrinkungsopfer in Deutschland halbieren zu wollen, unter diesen Bedingungen realisieren will, bleibt weiterhin rätselhaft.

© Blausand.de 2006

Links zum Thema:
Forderungen von Blausand.de für mehr Badesicherheit in Europa
Ertrinkungsgefahren in deutschen Flüssen
Badetipps von Blausand.de
Wichtige Tipps zur Ersten Hilfe bei Badeunfällen


 
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